Nur auf Durchreise

 Unsere Nachtfahrt von Porto Alegre nach Punta del Este in Uruguay verlief sehr ruhig, wir mussten nicht mal für den Grenzübergang aussteigen. Die Busgesellschaft hat im Vornherein unsere Pässe eingesammelt und schwupp, beim Aussteigen war ein neuer Stempel drin und wir in einem anderen Land. Schön, dass es so einfach sein kann.

Im letzten Moment bekamen wir vom Couchsurfing-Mitglied Diego das OK, dass wir bei ihm unterkommen können. Er holte uns morgens vom Busbahnhof ab, was uns fast ein schlechtes Gewissen bereitete, es war immerhin Sonntag um 8. Aber Diego meinte schon im Vornherein, dass er wenig Zeit haben würde uns etwas zu zeigen, weil er viel arbeiten würde. Und zwar im familieneigenen Betrieb, einem Restaurant, in dem er ab 10 Uhr Schicht hatte. Das erklärte natürlich auch, warum er an einem Sonntag so früh morgens schon startklar war.

Da er zumindest ein bisschen der Zeit mit uns nutzen wollte, sind wir direkt vom Busbahnhof aus einmal durch die Stadt und in seinen Geburtsort gefahren. Dann hat er uns bei sich zu Hause abgesetzt und wir hatten den ganzen Tag für uns, was sehr schön war, weil wir gegen etwas Ruhe nach all dem Couchsurfing in Brasilien mit fast ständiger 24-Stunden-Betreuung durch unsere Hosts wirklich nichts einzuwenden hatten. Außerdem mussten sich unsere Gehirne auch erst mal wieder ans Spanische gewöhnen, nachdem wir fast einen Monat lang nur Englisch gesprochen haben (die einzige Ausnahme war Lívia in Florianópolis, mit der haben wir Spanisch geredet, weil sie kein Englisch konnte).


In den Wintermonaten, wenn es in Punta del Este keine Touristen gibt und die Stadt somit ausgestorben ist, arbeitet Diego als Architekt. Sein neuestes Projekt war das Haus, in dem wir uns nun befanden. Es war so neu, dass sogar noch die Schlösser fehlten, um die Haustür abzuschließen. Eine Küche gab es auch nicht (wieso auch, wenn die Familie eh den ganzen Tag in einem Restaurant arbeitet), aber immerhin ein eigenes Zimmer und ein funktionierendes Bad. 

Von außen fertig, von innen noch lange nicht: Diegos selbst entworfenes Haus
Von außen fertig, von innen noch lange nicht: Diegos selbst entworfenes Haus

Da wir also im Haus theoretisch nichts tun konnten außer schlafen, waren wir nach einem Nickerchen den ganzen Tag durch Punta unterwegs und haben auch auswärts gegessen, obwohl uns Diego immer wieder in sein Restaurant eingeladen hat. Erstens wollten wir dieses Angebot nicht gleich ausreizen, sondern es lieber für einen anderen Abend aufheben und zweitens brauchten wir einen Ort mit Internet um unsere Weiterfahrt zu organisieren...

Wir haben nicht einmal mehr mitbekommen, wann die Familie inkl. Diego nach Hause gekommen ist, so spät war es. Aber pünktlich um acht war am nächsten Morgen schon wieder jemand im Bad zu hören. Wow, was für ein taffer Tagesablauf!

Punta del Este ist wirklich kein schöner Ort, wenn man sich eine Stadt anschauen will. Außer Hotels, einer Einkaufsstraße, vielen Privatapartment und einem unspektakulären Leuchtturm gibt es nämlich wirklich NICHTS zu sehen. Dafür gibt es Strand. Und drei Mal dürft ihr raten, was jetzt kommt – Strandtag natürlich ;-) Hatten wir ja schon ganze fünf Tage nicht mehr! Allerdings wurde es uns mittags tatsächlich zu heiß und wir beschlossen, eine Siesta im kühlen Neubau einzulegen. Währenddessen kam Diego überraschenderweise aus seiner Mittagspause nach Hause. Och nee, uns hat es grad so schön gefallen, einfach für uns zu sein. Aber wir wollten auch keine Spielverderberinnen sein und sind auf sein Angebot eingegangen, gemeinsam einen Auto-Ausflug in die umliegenden Ortschaften zu machen.

Der kleine, ca. zweistündige Rundtrip an sich war gar nicht mal sooo schlecht, aber irgendwie war während der Fahrt eine komische Stimmung. Diego hatte die Angewohnheit nicht zuzuhören, wenn wir etwas erzählt haben, obwohl ER die Fragen stellte und scheinbar etwas wissen wollte. Aber nie gab es eine Regung in seinem Gesicht, nie hat er gelacht, eine weitere Frage bezüglich des gleichen Themas gestellt. Außerdem hat er uns, ohne uns zu fragen, Tickets für eine Seilbahn gekauft, die uns deutlich überteuert schien. Und so aufregend war das Teil auch nicht, wenn man wie wir solche Sessellifte zu Genüge vom Skifahren kennt. Er selbst ist mit dem Auto den Hügel hinauf gefahren und hat uns oben schon erwartet. Und wieder: Obwohl ER uns die Tickets gekauft und uns damit ja regelrecht gezwungen hat, den Lift zu benutzen, hatte er dann oben keine Geduld, dass wir den schönen Ausblick genießen und fotografieren wollten. Wieder unten angekommen noch schnell, schnell ein Eis und zack, wieder zurück nach Punta del Este. Vielleicht hatte er nur wegen seiner sich zum Ende neigenden Mittagspause Bedenken und war deshalb etwas hektisch. Aber selbst dann hätte das ganze Miteinander gerne etwas wärmer, weniger abgebrüht und nicht so forsch sein können. Auf unsere Versuche, ihn zum Lachen zu bringen, ist er gar nicht eingegangen. Schade.

Für's Abendessen an diesem Tag sind wir dann tatsächlich zu „Mucho Gusto“, dem Restaurant der Familie und haben uns bekochen lassen (Diego bestand darauf, uns einzuladen!). Als er sich nach Arbeitsende zu uns an den Tisch setzte, kam nicht wirklich eine Konversation zustande. Dieses grundlose grießgrämige Getue vom Nachmittag hatte uns unbewusst wohl etwas vergrault. Was für ein seltsamer Mensch, aus dem wir eindeutig nicht schlau wurden...  

Geschmeckt hat's trotzdem
Geschmeckt hat's trotzdem

Aber es war ja die vorerst letzte Nacht bei einem Couchsurfer, weshalb wir gelassen blieben. Auf der Fahrt zum Busbahnhof (er hat uns auch wieder zum Bus gebracht) meinte er noch, einer der Hauptgründe für ihn bei Couchsurfing mitzumachen wäre, einen guten Eindruck von Uruguay zu vermitteln. Na, wenn er meint.

Wir saßen schon im Bus und warteten auf die Abfahrt, da kam er plötzlich nochmal zu uns und hat uns eine Tüte in die Hand gedrückt. Drin war ein großes Glas Dulce de Leche (ein bisschen wie Karamell in cremiger Form) von der besten Marke, die es dafür in Uruguay gibt. Wir konnten kaum Danke sagen, da war er schon wieder verschwunden. Hm, vielleicht hat Diego ja doch eine liebenswürdige Art an sich, er kann sie nur schwer zeigen.


Als zweite und gleichzeitig auch wieder letzte Stadt in Uruguay hatten wir uns Colonia del Sacramento ausgesucht. Von da fuhr nämlich auch die Fähre nach Buenos Aires.

Als wir mittags in besagtem Städtchen ankamen, haben wir in unserem Hostel eingecheckt und den restlichen halben Tag mit einem Bummel durch die Ortschaft zugebracht. Es war zwar im historischen Teil ganz niedlich, aber mehr als ein paar wenige Stunden kann man wirklich nicht mit der Besichtigung füllen. 

Wie gut, dass wir auch nicht mehr eingeplant hatten, bevor wir am Morgen des 4.2. nach Buenos Aires rüber schiffern wollten.

 

Abends haben wir noch in der Hostelküche gekocht und waren sofort wie erschlagen von all dem Trubel, der ständig um uns herum war. Tja, Hostelleben oder Couchsurfing-Dasein, alles hat seine Vor- und Nachteile.

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