Vom Schnuckel-Städtchen in die Millionen-Metropole

Nach fünf Tagen Rio war es an der Zeit, unsere Rucksäcke zu packen und weiterzuziehen. Da uns viele Leute das kleine Örtchen Paraty empfohlen haben, erkundigten wir uns nach Bussen dort hin. Da eine Reservierung oder gar der Ticketkauf über's Internet in Brasilien für Ausländer nicht ohne hohen Aufschlag auf den eigentlichen Preis möglich ist, haben wir auf den Rezeptionisten des Hostels gehört und sind nach dem Check auf verfügbare Plätze (laut Internet gab es noch reichlich!) um 16 Uhr einfach direkt zum Busbahnhof gefahren. „Ja klar, ich mache das auch immer so. Ist gar kein Problem! Da gibt’s eigentlich immer Tickets.“ EIGENTLICH. Unglücklicherweise haben wir den Verkehr Rios um die Uhrzeit etwas unterschätzt und kamen für den 16-Uhr-Bus sowieso ganz knapp zu spät an. Wir hätten allerdings erwartet, dass wir dann wenigstens locker Fahrkarten für den Bus zwei Stunden später kaufen konnten.

Tja, falsch gedacht. Es gab keine freien Sitzplätze mehr für den Bus um sechs und hätte auch keine mehr für den um vier gegeben. Erst wieder um acht, hieß es. Wir mussten also vier geschlagene Stunden auf den nächsten freien Bus nach Paraty warten. Nicht nur die Warterei war ziemlich ätzend, eine so späte Abfahrt bedeutete auch, dass wir mit vier Fahrtstunden erst um Mitternacht an unserem Ziel ankommen würden.

Eine verspätete Ankunft und ein zusätzlicher Stau während der Fahrt ließen es schließlich halb 2 werden. Zum Glück hatten wir uns die Wegbeschreibung vorher notiert und wussten, dass es nicht weit wäre bis zum reservierten Hostel, denn um diese Uhrzeit war niemand auf der Straße, den wir hätten fragen können. Nicht einmal ein Taxi gab es. Etwas genervt und müde kamen wir keine 15 Minuten später endlich am Hostel an und ahnten schon schlimmes: Kein Licht brannte, keine Klingel war zu sehen, kein Hinweis auf jemanden, der uns reinlassen könnte. Wir klopften und riefen, liefen einmal um die Ecke und wieder zurück, aber es tat sich einfach gar nichts. Suuuuper, da standen wir also, mitten in der Nacht, in Paraty vor verschlossenen Türen. Wir haben uns schon unsere Rucksäcke auf der Straße auspacken sehen, als sich mit leisen Schritten von innen jemand der Tür näherte. Da man unser Klopfen diesmal wirklich nicht überhören konnte, wurde uns tatsächlich aufgemacht – aber nicht etwa vom Personal, sondern von einem anderen Gast, der zufällig gerade vom Feiern „nach Hause“ kam. Er erklärte uns auch, dass es einen Nachteingang gäbe, für den man keinen Schlüssel bräuchte. Allerdings läge der versteckt auf der anderen Seite des Gebäudes. Wie auch immer, wir waren endlich drin. Wie vermutet erwartete uns niemand und konnte uns auch nicht erklären, welches der Zimmer wir reserviert hatten (offiziell ein 6-Bett-Zimmer, das aber nicht existierte, was wir leicht mit einem Blick in die drei Schlafsäle feststellten). In einem Schrank im Eingangsbereich fanden wir Bettzeug und Kissen und haben kurzerhand selbst entschieden, in welche Betten wir uns legen.

Nach dem Zähneputzen und Umziehen tauchte dann unglaublicherweise doch noch jemand vom Hostel auf, mehr als verschlafen und noch halb in seinen Träumen hängend. Er war etwas erstaunt, dass wir uns selbst organisiert hatten und wusste gar nicht so recht, wie er mit dem Check-In fortfahren sollte. Nachdem er nichts gegen unsere Zimmerwahl einzuwenden hatte und wir ihn davon überzeugt hatten, all den Papierkram auch am nächsten Morgen noch ausfüllen zu können, verschwand er ganz schnell wieder in sein Bett. Mit diesem ersten, etwas seltsamen Eindruck schliefen wir ein. Und wachten immer und immer wieder auf, weil es unerträglich heiß war in unserem ca. 10mkleinen Zimmer ohne Fenster mit unglaublichen acht Schlafgelegenheiten. Nicht einmal unsere Rucksäcke passten mehr hinein, wir mussten sie vor dem Zimmer stehen lassen. Das Frühstück am nächsten Morgen bestand aus Weißbrot und Butter, was die Stimmung nicht gerade hob. Mit der Zeit stellten wir fest, dass die Hälfte der Gäste ab und zu auch mal hinter der Rezeption arbeitete und so fühlte sich niemand wirklich verantwortlich für die unangenehmen Dinge wie Putzen und Frühstück machen, aber ganz wichtig, wenn es um das Teilen des Essens für das Personal ging. Als dann auch noch ab dem zweiten Tag das Wasser ausfiel, weil die Pumpe kaputt ist und wir uns aus dem Gartenschlauch in Flaschen das Duschwasser abfüllen mussten, wäre uns beinahe der Kragen geplatzt. 14€ pro Nacht und Person für ein totales Chaos zu zahlen, war wirklich unverschämt. Um es kurz zu machen: Irgendwie stimmte gar nichts in diesem Hostel. Leider war es aber das letzte freie gewesen, dass wir finden konnten, denn es waren ja Ferien in Brasilien und besonders für die Einwohner Rios, die Cariocas, ist Paraty DAS Wochenendsausflugsziel schlechthin. Nach einem Zimmerwechsel, wo wir nachts immerhin atmen und unsere Rucksäcke neben unseren Betten abstellen konnten, nahmen wir deshalb die Situation in Kauf. Was hätten wir auch sonst tun sollen?

Gott sei Dank ist so ein Hostel ja auch eher nur für's Übernachten gedacht und so verbrachten wir unsere Zeit in Paraty erst recht draußen. Das Örtchen an sich ist nämlich wirklich schön, sehr gut erhalten, es gibt überall schnuckelige Läden und einige Gehminuten hinter einem Hügel auch einen recht schönen Strand.

Nachdem wir am ersten Tag ganz Paraty abgelaufen sind, konnten wir es uns ruhigen Gewissen an den beiden anderen Tagen auch genau dort, am Strand, gemütlich machen. Dabei haben wir durch Zufall eine brasilianische Spezialität kennengelernt, Açaí. Es ähnelt einem Sorbet, das mit Bananenscheiben und einer Art getrocknetem Müsli, genannt Granola, serviert wird. Die Frucht Açaí selbst ist bei uns völlig unbekannt, weshalb sich auch der Geschmack schwer beschreiben lässt. Die Speise insgesamt ist nicht zu süß, aber trotzdem eindeutig für uns eher eine Nachspeise.

Açaí - unser neues Lieblingsdessert
Açaí - unser neues Lieblingsdessert

Am 9.1. war es vorbei mit der Dorfidylle, die Großstadt rief wieder nach uns. Und zwar nicht irgendeine, sondern die zehntgrößte Stadt der Welt (wenn man nach Wikipedia geht): São Paulo.

Ganz unkompliziert sind wir trotz der Größe mit den öffentlichen Verkehsmitteln zur Adresse unseres Couchsurfergastgebers gelangt, Diogo Ogawa. Wie schon sein Nachname vermuten lässt, kommt seine Familie ursprünglich aus Japan. Der erste Kontakt war wie immer etwas merkwürdig und fremd, aber über die fünf Tage, die wir bei ihm gewohnt haben, hatten wir eine wirklich schöne Zeit. Wir hatten ja am Anfang starke Zweifel, was wir so lange in SãoPaulo machen sollten, weil jeder uns gesagt hat, dass die Stadt nicht wirklich schön und sehenswert ist. Aber dank Diogo wurde es nicht langweilig, er hat sich als witzig, spontan und sehr aufgeschlossen gezeigt,. Direkt am Ankunftstag sind wir abends noch zusammen im stadtbekannten Ausgehviertel Vila Madalena was trinken gegangen, wobei uns unser Gastgeber mit einen der besten Caipirinhas bestellt hat, den wir je getrunken haben. 

Glückliche Gesichter in Vila Madalena :-)
Glückliche Gesichter in Vila Madalena :-)

Am nächsten Tag wurden wir durch das Stadtinnere geführt und haben das Wichtigste von SãoPaulo gesehen. Wie schreiben hier bewusst nicht Zentrum, denn das gibt es hier nicht. Was Zentrum, also der offizielle Geschehensmittellepunkt der Stadt ist und was nicht, hängt stark von den gerade angesagten Vierteln ab und ändert sich im Laufe der Zeit immer wieder. Momentan ist es die Avenida Paulista, eine Straße, an der sich hauptsächlich Banken angesiedelt haben. Klingt genauso spannend, wie es auch ist – gar nicht. Die Straße ist einfach nur eine Straße mit Hochhäusern rechts und links, nicht einmal schöne Geschäfte zum Bummeln gibt es. 

Vielleicht die unspektakulärste Straße...
Vielleicht die unspektakulärste Straße...
...die je "Zentrum" genannt wurde.
...die je "Zentrum" genannt wurde.

Eine Stadt, die nicht mal eine richtige Innenstadt vorweisen kann, das spricht schon für sich, oder nicht? Einzig die Kathedrale mit dem eigenartigen Namen Sé auf einem palmengesäumten Platz könnte man als schön bezeichnen. Ansonsten beeindruckt SãoPaulo wirklich ausschließlich mit seiner Größe. Wolkenratzer, so weit das Auge reicht.

Ein Meer aus Hochhäusern
Ein Meer aus Hochhäusern

Dafür gab es essenstechnisch einiges zu entdecken: Erst waren wir auf dem Mercado Municipal, wo uns die Verkäufer alles haben probieren lassen: Exotische Früchte, unbekannte Käse- und Wurstsorten, leckere Brotaufstriche, eingelegte Oliven und und und. Als Mittagssnack schlug Diogo vor, ein bestimmtes Mortadella-Sandwich zu essen. Mortadella, kennen wir. Sandwich, ja, auch das ist uns bekannt. Aber was dann da auf dem Teller lag, hätte eher den Namen Monster verdient:

Ist das ein Sandwich oder ein außerirdisches Etwas?!
Ist das ein Sandwich oder ein außerirdisches Etwas?!

Später hatten wir noch ein Açaí, was uns noch besser geschmeckt hat als beim ersten Mal – eindeutig der Beginn einer einmonatigen Liebesgeschichte :-)

Den kulinarischen Abschluss des Tages gab es abends in einer Pizzeria. Wir wussten schon immer, dass man ja eigentlich so ziemlich alles auf seine Pizza legen kann, allerdings kam uns bis dato nicht in den Sinn, etwas Süßes zu verwenden. Genau das ist aber in Brasilien absolut üblich! Wir wagten also dieses Experiment und bestellten Pizza mit Smarties und Schokoladensoße. Und wir wurden beide wirklich nicht enttäuscht! Bei den vielen Genüssen bahnte sich schon zu dem Zeitpunkt an, dass unser Weg durch Brasilien eventuell eher zu einer kulinarischen als kulturellen Reise werden würde. 

Viele, viele bunte Smarties... auf einer Pizza!
Viele, viele bunte Smarties... auf einer Pizza!

Am Sonntag brachte Diogo uns zu seiner Arbeitsstätte, dem Butantan-Institut. Er als Mikrobiologe erforscht v.a. das Gift von Schlangen, um daraus neue Medikamente zu entwickeln. Zu dem Institut gehört ein kleines Museum, eine Ausstellung an verschiedenen Schlangen und Spinnen und ein interaktiver Raum zu Genetik und Impfungen. Mag sich alles etwas verschroben anhören, aber es war wirklich gut aufbereitet und selbst Kristina, der man normalerweise lieber keine Schlangen und Spinnen vor die Nase setzt, hat der Besuch gefallen. Vom Institut sind wir direkt zu Diogos Cousin gefahren, der uns alle zu einem Churrasco eingeladen hat. Churrasco ist das brasilianische Pendant zu unserem Grillen, allerdings gibt es deutlich mehr Fleisch als bei uns und auf Beilagen wie Salate oder Gemüse wird kaum Wert gelegt. Außerdem liegt während des ganzen Churrascos Fleisch auf dem Grill und wird portionsweise an alle serviert, was aus dem ganzen eher ein stundenlanges Schnabulieren macht als ein wirkliches Essen. Das tut aber dem Geschmack überhaupt keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Durch die vielen Pausen zwischen den kleinen Fleischhäppchen ist insgesamt mehr Platz im Bauch ;-)

Ffffleeeiiisch!
Ffffleeeiiisch!

Neben dem fantastisch leckeren Essen war auch Diogos Familie unglaublich sympathisch. Wir haben uns v.a. mit seinem Bruder und Cousin sehr gut unterhalten (die beiden einzigen von ca. 10 Gästen, die Englisch sprechen konnten) und haben auch gleich mit Bruno, dem Cousin, etwas für den nächsten Tag ausgemacht, da Diogo arbeiten musste und keine Zeit für uns gehabt hätte.

Mit Bruno und einem Kumpel von ihm sind wir also am Montag den halben Tag nochmal in São Paulo unterwegs gewesen, haben viel geplaudert und uns über japanisch-brasilianisch-deutsche Kulturunterschiede ausgetauscht. 

Den letzten Abend wollten wir unbedingt noch Pizza essen gehen, da man nämlich über São Paulo sagt, dass es dort sogar bessere Pizza als in Italien gäbe. Diogo hat netterweise ein Restaurant rausgesucht, das All-you-can-eat (port. Rodizio) für Pizzas anbot, sodass wir für wenig Geld ganz viele verschiedene Sorten probieren konnten. Rodizio de Pizza müsst ihr euch so vorstellen: Es werden laufend Pizzen gebacken, Kellner drehen immer wieder eine Runde durch das Restaurant und wenn man sagt, dass man ein Stück von der Pizza, die sie gerade herumtragen, haben möchte, bekommt man eines. Wir hatten als einzige Gäste das Glück, dass wir bestellen konnten, was wir gerne essen würden und so kam immer für jeden ein Stück mit der gewünschten Geschmacksrichtung, bevor wir eine neue Bestellung aufgaben.

Wir ließen es uns wirklich gut gehen an diesem Abend und haben gegessen bis im wahrsten Sinne die Schwarten krachten. Rodizio de Pizza für umgerechnet etwa 12€ - das müsste man in Deutschland wirklich auch mal einführen!  

V.l.n.r.: Die vollgefressene Alena, eine pizzaschwangere Kristina, der ermattete Bruno und ein viel zu leicht wirkender Diogo :D
V.l.n.r.: Die vollgefressene Alena, eine pizzaschwangere Kristina, der ermattete Bruno und ein viel zu leicht wirkender Diogo :D

Bevor wir nachmittags zum Flughafen gefahren wurden, haben wir noch einen Abstecher zu André, einem Freund und Geschäftspartner von Diogo gemacht, der tatsächlich einen „Biergarten“ nahe São Paulo führt. Die eigene Brauerei war dabei das Highlight. Da unser Gastgeber und sein Freund irgendein Experiment zur längeren Haltbarkeit von Bier machen wollten, haben wir es uns gemütlich gemacht und eine Flasche Bier nach der anderen probiert, die uns André angeboten hat. Wir staunten nicht schlecht, als wir auf einmal vier verschiedene Sorten deutsches Traditionsgetränk in der Hand hielten und es ganz ehrlich und direkt hieß, wir dürften beherzt zugreifen, hier werde er das gute Gesöff nämlich nicht los. Die Brasilianer bevorzugen ihr wässriges Bierchen ohne Geschmack (naja, und wahrscheinlich spielt auch der Preis pro Flasche eine Rolle, dass er auf seinem Importbier sitzen bleibt: Stolze 50 Reais, also ca. 15€ verlangt er für die teuerste 0,5l Flasche...). Das ließen wir uns nicht zwei Mal sagen und tranken uns durch Dunkles, Rauchbier, Helles, Hefe und was Andrés Kühlschrank noch so zu bieten hatte. 

Natürlich probierten wir auch das lokal gebraute Oak Bier, aber ihr ahnt es schon, nichts kommt an unser gutes deutsches Bier heran ;-)

Pünktlich kamen wir zu unserem 30€-Flug nach Curitiba am Flughafen an und nahmen Abschied von unserem ersten Couchsurfer in Brasilien (es sollten noch einige folgen...). Was für ein schöner Abschied von einer ebenso überraschend schönen Zeit in Brasiliens Hauptstadt.

Kommentare: 1
  • #1

    Mama Alena (Freitag, 27 März 2015 14:49)

    Auf dem Bild in der Villa Madalena, schaust du, Alena, aus wie ich (natürlich in jungen Jahren)! Eben meine Tochter!