Die "wunderbare Stadt"

Der Himmel sah schon freundlicher aus als wir am Tag nach dem nassen Wasserfall-Erlebnis von Argentinien über die Grenze nach Brasilien fuhren. Wir hatten uns ursprünglich auch vorgenommen, diesen 30.12. für den Besuch der brasilianischen Seite der Fälle herzunehmen. Wir haben also noch in Ruhe gefrühstückt, den Bus bis zur Grenze genommen und waren gut in der Zeit. Leider wollte der Busfahrer nicht warten, bis wir die Formalitäten an der Grenze erledigt hatten und meinte, wir können einfach den nächsten Bus nehmen, der komme sowieso gleich. Ja gleich – Pustekuchen. Nachdem wir innerhalb von fünf Minuten den formalen Grenzübertritt hinter uns hatten, mussten wir eine geschlagene Stunde an der Bushaltestelle im Nirgendwo auf den nächsten Bus warten, der dann noch nicht einmal am Busbahnhof von Foz do Iguaçu gehalten hat. Vollkommen planlos sind wir also irgendwo ausgestiegen und haben nach einer Bank zum Geldabheben gesucht. „Permiso, dónde está u...“ Halt, mit Spanisch kamen wir ja ab jetzt nicht mehr weiter. Zum ersten Mal auf unserer Reise befinden wir uns in einem Nicht-spanischsprachigen Land! Was für eine Umstellung. Natürlich konnten wir ein bisschen was verstehen (v.a. Das Geschriebene), Portugiesisch und Spanisch sind ja immerhin ein bisschen ähnlich, aber sobald die Menschen untereinander zu reden begannen, war es für uns vorbei. Erst in solchen Momenten wird einem bewusst, wie viel leichter und unkomplizierter einem das Beherrschen der Landessprache das Reisen macht. Aber wir sind ja schließlich auf ABENTEUER Weltreise und da gehört so eine Herausforderung mit dazu :-)

Zurück zur Bank: Die haben wir trotz Sprachbarrieren gefunden, genauso wie ein Taxi, dass uns zu unserem Hostel gebracht hat.  Als wir dort ankamen, war es mittlerweile schon halb drei am Nachmittag. 

Leseecke im sehr schönen Hostel Poesia in Foz do Iguaçu
Leseecke im sehr schönen Hostel Poesia in Foz do Iguaçu

Die Sonne hatte bisher den ganzen Tag geschienen und es waren kaum Wolken am Himmel gewesen. Natürlich änderte sich das Ganze bei unserer Ankunft... Wolken zogen auf und wurden grauer und grauer und so beschlossen wir, erstmal noch abzuwarten, bevor wir uns zur brasilianischen Seite aufmachen wollten. Ihr könnt es euch schon denken: Letztendlich sind wir überhaupt nicht mehr gefahren, denn das Wetter wurde nicht wieder besser, im Gegenteil. Außerdem wurde mit jeder weiteren verstrichenen Minute die mögliche Besuchszeit des Wasserfalls kürzer und auch der hohe Eintrittspreis war uns ein Dorn im Auge. Also fassten wir irgendwann den Entschluss, es bei dem gestrigen Besuch der Fälle in Argentinien zu belassen und uns stattdessen gemütlich etwas in dem außerordentlich schönen Hostel zu kochen. Klar, wir hätten schon gerne auch die andere Seite gesehen, aber nicht für den Preis bei nochmals schlechtem Wetter. Mit keinerlei schlechtem Gewissen à la „Wer weiß, ob wir jemals nochmal hier her kommen, deshalb müssen wir unbedingt beide Wasserfallseiten sehen“ wollten wir gerade für das Abendessen einkaufen gehen, als sich die Wolken urplötzlich auftaten und einen unglaublich heftigen Schauer abließen. Lieber Regengott, hat es nicht schon gereicht, dass wir gestern nass bis auf die Knochen die Iguazu-Wasserfälle besichtigt haben? Muss es heute schon so weit kommen, wenn wir einmal am Tag wagen, den Fuß vor die Tür zu setzen? JA, war die klare Antwort, denn es regnete immer stärker. Wir standen wie zwei wasserscheue Katzen unter einem löchrigen Vordach und warteten vergeblich auf das Abklingen des Regens. Am Ende mussten wir allerdings in den sauren Apfel beißen und durch die die Wasserwand zum Supermarkt und wieder zurück rennen, weil es einfach nicht weniger schütten wollte.

Ob nun Iguazú oder Iguaçu – die Ortschaften rund um die Wasserfälle brachten uns wettertechnisch kein Glück. Vielleicht als kleine Entschuldigung klang der Regen bis zum Abendessen ab und der Himmel färbte sich in ein unecht wirkendes Pink, was von unserem Balkon aus eine spektakuläre Kulisse ergab.

Farbspektakel
Farbspektakel

Um halb 4 klingelten nach einer sehr kurzen Nacht unsere Wecker – Zeit, endlich nach Rio zu fliegen! Unser Taxifahrer vom Vortag wartete schon überpünktlich auf uns, wodurch wir mit ausreichend Vorlauf am Flughafen von Foz do Iguaçu ankamen. Unser Flugzeug der Gesellschaft GOL sollte um 5.20 Uhr abheben, danach ein Umstieg in Curitiba, noch einer in São Paulo, um schließlich um 11 Uhr in Rio de Janeiro zu landen.

Schon beim Einchecken gab es allerdings das Problem, dass das System den Teilstreckenflug von Foz nach Curitiba als gesonderten Flug einstufte, was im Klartext bedeutete: In Curitiba aus dem Flugzeug hechten, Gepäck abholen, neu einchecken und weiter nach Rio mit Zwischenlandung in São Paulo. Wir haben uns beschwert und ein bisschen aufgeführt, dass dieses Prozedere doch innerhalb der einen Stunde, die wir zwischen Ankunft und Abflug in Curitiba hatten, kaum möglich wäre, aber es gab scheinbar keine Möglichkeit, unser Gepäck durchzuchecken... Solche Blödmänner! Immerhin saßen wir alle pünktlich in der Maschine, alle waren angeschnallt und warteten auf den Start. Zehn Minuten vergingen, 15 Minuten vergingen, nach 20 stand das Flugzeug immer noch in Parkposition. Also den Anschlussflug in Curitiba konnten wir vergessen. Da kam eine Durchsage des Piloten: „Aufgrund eines Triebwerkproblems bitte ich Sie, wieder auszusteigen, da wir die Motoren in Aktion testen müssen.“ Oh neeeeeee!!! Aber es blieb uns ja nichts anderes übrig als das Flugzeug zu verlassen und in der Wartehalle nach Anweisung des Bodenpersonals so lange auszuharren, bis es neue Informationen gab. 

Wann unser Flug nach Curitiba geht, ist unvorhersehbar
Wann unser Flug nach Curitiba geht, ist unvorhersehbar

Obwohl es offiziell nicht gestattet war, den Wartesaal zu verlassen, machten sich schon einige der Passagiere auf zum Check-In-Schalter, um in Erfahrung zu bringen, wie es denn nun weiterginge. Alena schloss sich ihnen an und war auf einmal mitten drin im Kampf um die Restplätze in anderen Flugzeugen. Fakt war nämlich, dass unsere Maschine noch länger repariert werden musste und es war nicht klar, ob sie an diesem 31.12. überhaupt noch abheben würde. Nun gut, es war 6.30 Uhr morgens und wir hatten noch den ganzen Tag Zeit, nach Rio zu kommen.

Da gab es beispielsweise um halb acht eine Maschine direkt nach São Paulo, doch eine drängelfreudige Brasilianerin mit Großfamilie hat sich die letzten sechs verfügbaren Plätze geschnappt. Na toll! (All dies wurde freundlicherweise von einem älteren Argentinier übersetzt, der auch Portugiesisch sprach, mit dem Alena während des Wartens ins Gespräch kam).

Ok, wie wäre es dann mit dem Flug um 11 direkt nach São Paulo? Alles schon ausgebucht, hieß es von Seiten des Verantwortlichen von GOL, Johnny.

Nach viel Gezeter verkündete Johnny, er könne uns in eine Maschine um 9.30 Uhr nach Curitiba umbuchen. Mit den erkämpften Tickets in der Hand stapfte Alena zurück in den Wartesaal, von wo aus man gut das Rollfeld überschauen konnte. Da stand aber weder um 9, noch halb 10 und auch um 10 Uhr kein Flugzeug, sondern immer noch nur die kaputte Maschine, an der mittlerweile eine ganze Horde Mechaniker herum werkelte.


Jetzt schon mit mehr Ärger im Bauch kehrte Alena zum Schalter zurück, wo schon geschimpft und gemeckert wurde. Der Ton wurde immer rauer, wir wollten Antworten, wollten wissen, was Sache war. Gab es noch eine Möglichkeit des Umbuchens auf andere Flüge? Warum kooperierte GOL nicht mit anderen Fluggesellschaften, die auch Flüge nach São Paulo/Rio anboten? Gab es eine Möglichkeit, nicht ein neues Flugzeug anzufordern, dass uns alle direkt nach Rio bringe (fast ausnahmslos alle Passagiere des 5.20Uhr-Fluges wollten letztendlich wie wir nach Rio)? Auch Kristina kam dann mit an den Schalter und gemeinsam schafften wir es mit Hilfe des Argentiniers bis an die Spitze der Schlange, wo wir uns auf Englisch und Spanisch beschwerten, dass die Schwarte krachte. Der Gipfel war eine wütend-aggressive Meute, die alle wie aus einem Hals das deutsche „Scheiße“ riefen, was Krissi mehrmals herausrutschte, von einer Brasilianerin neben ihr wiederholt und von anderen Passagieren nachgesprochen wurde. Himmel, wir standen am Silvestertag um halb 11 vormittags seit über fünf Stunden am Flughafen, waren am Ende mit den Nerven und um uns herum brach das Chaos aus, begleitet von ein paar Schluchzern von zartbesaiteten Frauen, die ihren Gefühlen nur noch durch Tränen Ausdruck verleihen konnten und „Scheiße!“-Ausrufen aus argentinisch-brasilianischen Mündern. Wäre es nicht so unglaublich stressig und anstrengend gewesen, hätten wir ja fast drüber lachen können. Aber wenn man feststellt, dass GOL uns alle mit einem Fake-Flug beruhigen wollte (der Flug um halb 10 existierte nie! Er war nur eine Masche, um uns Passagiere ruhig zu stellen), ist einem eher nach schreien als nach lachen zu Mute. Wir hatten sogar versucht, bei anderen Fluggesellschaften einen Platz zu ergattern, aber auch diese waren schon restlos ausgebucht.

 

Mit viel Geduld und noch mehr Dreistigkeit (Krissi hat Johnny irgendwann unsere Reisepässe vor die Nase geknallt und gezischt, er solle uns jetzt SOFORT in die Maschine um halb 2 nach São Paulo einbuchen, sodass wir von dort weiter nach Rio fliegen können) sind wir tatsächlich als die einzigen Nicht-Brasilianer in das 13.30 Uhr - Flugzeug gestiegen. Alle anderen Passagiere, u.a. aus Kanada, USA, Frankreich und auch Deutschland, die nicht so dreist gedrängelt hatten, wurden gebeten, in einem extra eingerichteten Raum auf weitere Anweisungen zu warten. Eine bis dahin tapfere Kanadierin heulte laut los, als sie uns viel Spaß in Rio wünschte. Verständlich, wir waren auch oft genug den Tränen nahe an diesem Tag. Obwohl die egoistische Hauptsache war, dass wir im Flugzeug nach São Paulo saßen, war es doch mehr als ärgerlich, dass nach beendetem Boarding NEUN Plätze im Flugzeug frei waren. Alena ist deshalb vor Abflug aufgestanden und hat versucht, die Stewardess zu überzeugen, das im Flughafengebäude ca. 40 Leute verzweifeln, weil sie nicht nach Rio fliegen können und wir würden doch jetzt nicht ernsthaft mit freien Plätzen abheben, das geht doch nicht?! Aber die Stewardess konnte und/oder wollte nichts machen, weil wir sowieso schon eine Verspätung von einer Stunde hatten und dem Flugzeug sonst die Startgenehmigung entzogen worden wäre. Es war wirklich zum Haareausraufen! Als wir nach 55 Minuten Flugzeit in São Paulo landeten, starteten wir noch einen letzten Versuch, doch noch etwas früher in Rio anzukommen. Johnny hatte uns nämlich in dem Flugzeug um 18.40 Uhr untergebracht, aber das bedeutete eineinhalb Wartezeit von drei Stunden. Nach nur drei Minuten Gespräch mit einem Mitarbeiter von GOL am Gate hatten wir neue Tickets in der Hand. Ganz ohne Diskussion und freundlich hat der Herr uns Plätze in der Maschine um Punkt sechs gesichert, freie Sitze auf früheren Flügen gäbe es leider nicht-Brasilianer mehr. Eine halbe Stunde war zwar nicht viel, aber bei so einem engen Zeitfenster wie dem unseren waren 30 Minuten besser als nichts. Nach einem Happen Essen ist uns auf unserem Weg zum Gate die Gruppe Deutscher entgegengekommen, die in Foz auf ihr Schicksal warten sollten. „Wow! Wie habt ihr es denn letztendlich doch noch hier her geschafft?“, fragten wir ungläubig. Das kaputte Flugzeug wurde letztendlich doch noch repariert und alle Verbliebenen ohne Umweg über Curitiba direkt nach São Paulo geflogen, wo sie alle auf die Abendflüge nach Rio aufgeteilt werden würden. Na Gott sei Dank! Dann hatten am Ende also doch noch alle die Aussicht auf ein Silvester an der Copacabana. Wir wünschten ihnen einen guten Rutsch und landeten sogar überpünktlich um halb 8 in Rio. Möge der Wettlauf gegen die Zeit beginnen!

Der Balkon des Maison Tordeur...
Der Balkon des Maison Tordeur...
... und der Pool!
... und der Pool!

Rein ins Taxi, Taxifahrer mit Google Maps zu unserer Unterkunft geleitet, schnelle Begrüßung von Leia, der Besitzerin unserer Unterkunft (ihrem Wohnhaus) Maison Tordeur und Lars, Mittvierziger aus Berlin, ebenfalls Gast. Wir haben uns schnell umgezogen (ihr erinnert euch? Man trägt in Brasilien an Silvester weiß. Dafür hatten wir in Salta extra neue Oberteile gekauft), für eine Dusche fehlte die Zeit. Leia hat uns noch je eine Flasche Bier in die Hand gedrückt und schon sind wir mit Lars los Richtung Copacabana. Nach knapp eineinhalb Stunden Weg mit Bus und zu Fuß kamen wir um halb 11 endlich am Strand an.

JAAAAAAAAAA!!!

Nach all dem Chaos und der teilweisen Aussichtslosigkeit des Tages haben wir es wirklich noch nach Rio und sogar an die Copacabana geschafft...

Weiß angezogen, keine Wertsachen dabei, dafür ganz viel gute Laune: Silvester an der Copacabana
Weiß angezogen, keine Wertsachen dabei, dafür ganz viel gute Laune: Silvester an der Copacabana

Der Strand war irre voll, was aber ja zu erwarten war. Wir drei gönnten uns ein paar Bier und schlenderten im Sand entlang, bis wir ein geeignetes Plätzchen fanden, von wo aus wir das Feuerwerks sehen konnten. Die Kulisse war auf jeden Fall atemberaubend: Bei angenehmen Temperaturen, im Sand sitzend und auf's Meer blickend, startete die genau 17-minütige Vorstellung.

Wir und 199998 andere Menschen in Feierstimmung
Wir und 199998 andere Menschen in Feierstimmung

Hier ist ein kleiner Eindruck des Feuerwerks:
(Anmerkung 1: Das "RIO 450", mit dem das Feuerwerk eröffnet wurde, ist ein Hinweis auf das 450-jährige Jubiläum, das die Stadt 2015 feiert.

Anmerkung 2: Wir haben den Boden nicht absichtlich gefilmt. Da hat jemand die Menge mit Sekt bespritzt und alles wurde nass...)

Leider machte sich der Biergenuss bei Alena bemerkbar und sie konnte nicht anders, alswährend des Feuerwerks auf's Klo zu gehen. In ihrer Hektik vergaß sie dummerweise, sich einen Anhaltspunkt zu suchen, denn zwei Menschen in einer Masse von 2 Millionen wieder zu finden, ist doch etwas schwer. Tja, wie sollte es anders kommen, als dass sie dann am Strand herumirrte, vollkommen verloren und sich schon ausmalte, alleine nach Hause zu gehen. Wir hatten nämlich keinen Treffpunkt ausgemacht... Einmal, wenn man das nicht tut, passiert natürlich genau so etwas. In der Zeit, in der Alena nach Krissis braunen Haaren und einem weißen Oberteil Ausschau hielt (hahaaaa, ungefähr jeder um sie herum sah so aus...), hat auch Kristina nach Ende des Feuerwerks dem Drang ihrer Blase nicht mehr standhalten können. Sie war allerdings so schlau, sich eine im Sand steckende Flagge nahe unseres Standpunktes zu merken. Aber auf ihrem Rückweg war rund um die Flagge niemand! Kein Lars, keine Alena, niemand! Verzweifelt rief sie immer wieder „Alena! Lars!!“, aber wie hätten die beiden das in dem riesigen Tumult höre sollen? Doch dann, durch pures Glück und Zufall, sah Alena den gehäkelten Kragen von Kristinas Oberteil und war heilfroh, endlich gefunden zu haben, was sie suchte. Aber wo war Lars? Kristina antwortete, sie wäre auch pinkeln gewesen und hätte schwören können, hier wäre er gestanden. Lars war also weg, unsere Taschen hatten wir bei ihm gelassen und auch Alenas Flip-Flops.

Als wir uns nach ein paar weiteren Suchminuten umdrehten, stand er auf einmal direkt hinter uns! „Ja Mädels, da seid ihr ja! Nein, ich hab mich keinen Zentimeter vom Fleck bewegt. Na was weiß ich, wo ihr gesucht habt...“ Die Taschen waren noch da, wir drei waren wieder zusammen, nur Alenas Flip-Flops haben anscheinend an diesem Abend beschlossen, ihr Leben ab dem neuen Jahr lieber an der Copacabana verbringen zu wollen. Irgendwie ja auch verständlich ;-)

Aber wir waren ja in Rio, der Stadt der berühmten Flip-Flop-Marke Havaianas und so hat sie sich eben einfach zwei gesucht, die wenigstens zum Heimlaufen gedient haben. Waren zwar zwei linke, ging aber trotzdem.

Zwei linke Füße? Nein, nur zwei linke Flip-Flops
Zwei linke Füße? Nein, nur zwei linke Flip-Flops

Um kurz nach 2 hat sich Lars verabschiedet, wir haben um viertel vor 3 den Heimweg angetreten. Denkt ihr jetzt auch, man, das ist aber früh für Silvester? Ja, dann teilt ihr unsere Verwunderung. Aber es war tatsächlich so, dass direkt nach dem Feuerwerk schon die ersten gegangen sind, um halb 3 waren nur noch die Hälfte an Leuten da wie vor um 12. Wir dachten wirklich, die Cariocas (Einwohner Rios) wären feierlustiger. Aber wahrscheinlich gab es irgendwelche Privatparties, von denen wir natürlich nichts wussten. Oder die Leute machen in Brasilien VOR Mitternacht Halligalli und gehen nach dem krönenden Feuerwerk ins Bett? 

Was will man am ersten Januar mehr? Mitten in der Nacht immer noch SOMMER!
Was will man am ersten Januar mehr? Mitten in der Nacht immer noch SOMMER!

Wie auch immer, wir beschlossen, „nach Hause“ zu gehen. Da wir uns nicht mehr die Mühe machen wollten, den Bus zur Unterkunft zu suchen (in Rio gibt es gefühlte hundert Linien!) und es auf der Karte auch gar nicht so weit aussah, sind wir den ganzen Weg gelaufen. Es waren dann aber leider doch über 7km. Um kurz nach halb fünf sind wir endlich angekommen, vollkommen geplättet von diesem aufregenden Tag, vielleicht dem aufregendsten des ganzen Jahres, aber auf jeden Fall dem unserer Reise.

Nach über 26 Stunden Wachsein mussten wir erstmal viiiieeeel schlafen. Den ersten Januar haben wir deswegen auch nur am Pool gelegen, etwas gelesen und Musik gehört. Für etwas anderes wäre es sowieso zu heiß gewesen.

Am 2.1. wollten wir endlich was von der Stadt sehen. Da waren wir seit mehr als 40 Stunden in Rio und hatten eigentlich noch nichts von den berühmten Wahrzeichen der Stadt mitbekommen. Allerdings rann uns bei 36° im Schatten der Schweiß allein vom Stehen in Strömen herunter, sodass aus unserem großen Vorhaben, den Cristo zu besichtigen, erst mal nichts wurde. Dafür hätten wir uns nämlich in eine zig Meter lange Schlange in der Sonne stellen müssen, um die Tickets für den Minibus zu kaufen, der die Touristen dort hinauf bringt. Nachdem wir erfahren haben, dass man die Tickets auch online im Voraus kaufen kann und man sich damit das stundenlange Warten erspart, haben wir kurzerhand umdisponiert und uns den Tag eben mit einem gemütlichen Stadtbummel vertrieben (anders als gemütlich wäre angesichts der Hitze sowieso nicht möglich gewesen).

Als wir tags darauf Abschied von Leia und ihrem Maison Tordeur nehmen mussten, waren wir schon etwas wehmütig. Leia war so freundlich gewesen, hat uns immer so leckeres Frühstück gemacht, wir haben in ihren Katzen neue Ersatzhaustiere gefunden und natürlich war der Pool, den wir fast alleine nutzten, auch nicht zu verachten. Aber mehr als drei Nächte in ihrem schnuckeligen, gemütlichen Haus konnten wir uns einfach nicht leisten. Da ab dem 3.1. die Preise für Unterkünfte in Rio wieder fallen, haben wir uns im Voraus für zwei weitere Nächte in einem Hostel im 8er-Schlafsaal eingemietet (Anmerkung: Rund um Silvester kosten selbst Betten in Hostelschlafsälen zwischen 60 und 120€ (!!) pro Nacht und Person, da war unser Privatzimmer bei Leia mit 65€ geradezu günstig; ab dem 3.1. zahlt man dann in Hostels aber wieder Normalpreise um die 20€/Nacht).

Vorbei die leckeren Frühstücke und auch kein gemütliches Wohnzimmer mehr :-(


Leia hat uns extra noch ein Taxi gerufen und zum Abschied gewunken (so süß), dann fuhren wir kreuz und quer durch das Viertel, wo eigentlich das Hostel sein sollte. Doch weder der Taxifahrer noch sonst jemand kannten die Straße des 021-Hostels. Der Taxifahrer hat etliche Male angehalten, um zu fragen, gewendet, ist auf und ab gefahren – und das Taxameter lief natürlich immer munter weiter. Wir wussten zum Glück von Leia, dass die Strecke nicht mehr als 10-15 Reais (3-5€) kosten dürfte (wir haben vorher mit ihr zusammen die Adresse in Google Maps eingegeben und die Distanz ermittelt) und so ging die Diskussion los als wir schließlich doch noch an unserem Ziel ankamen. Er könne doch jetzt nicht den vollen Betrag verlangen, wenn er eine halbe Stunde planlos herum gefahren ist? Wer ist denn der Taxifahrer, er oder wir?! Wir wussten, dass die Strecke normalerweise nicht mehr als 15 Reais kostet, also waren wir auch nicht bereit, mehr zu bezahlen, zumal uns durch sein Unwissen ja auch mindestens eine halbe Stunde unserer kostbaren Zeit verloren gegangen ist. Dass weder sein Navigationsgerät, noch sein Handy die Adresse gefunden haben, war auch nicht unsere Schuld. Wenn man bedenkt, dass wir diese Diskussion auf mehr schlechtem als rechtem Portugiesisch geführt und am Ende tatsächlich nur 15 Reais gezahlt haben, kann man schon ein bisschen stolz auf uns sein ;-) Wir lassen uns doch nicht gleich in der ersten brasilianischen Stadt unterkriegen!

Auf dem Weg zur Copacabana: Ein Markt mit typisch brasilianischem Essen. Am liebsten hätten wir alles probiert!
Auf dem Weg zur Copacabana: Ein Markt mit typisch brasilianischem Essen. Am liebsten hätten wir alles probiert!

Am nächsten Tag wollten wir nochmal zur Copacabana, wir hatten diesen berühmtem Strand schließlich bisher nur bei Nacht und von Millionen Menschen besetzt gesehen. Außerdem war dort eine der Haltestellen für die Corcovado-Tour.

Dürfen wir präsentieren: ♪ Copa...Copcacabana ♫
Dürfen wir präsentieren: ♪ Copa...Copcacabana ♫
(Fast) 360°-Blick von der Copacabana auf Rio
(Fast) 360°-Blick von der Copacabana auf Rio
Die Copacabana an einem normalen Sommertag - fast so voll wie an Silvester. FAST.
Die Copacabana an einem normalen Sommertag - fast so voll wie an Silvester. FAST.

Um halb 4 standen wir dann wegen der im Internet gekauften Karten ohne Warterei an der Haltestelle, von wo die Minibusse auf den Corcovado, den Berg, auf dem die Christus-Statue steht, abfahren. Trotz Sonne und blauem Himmel über der Stadt, war der Corcovado in eine dichte Wolke gehüllt und die Statue komplett verdeckt. Wir waren noch hoffnungsvoll und haben uns zum Warten auf besseres Wetter in ein Restaurant gesetzt. Dort hat uns ein sehr netter alter brasilianischer Kellner-Opi bedient und uns am Ende, also vor Schließung des Restaurants um 17 Uhr, sogar noch „seinen“ Maracuja-Baum gezeigt, den er eigenhändig vor Jahrzehnten auf der Terrasse des Lokals gepflanzt hatte. Wie goldig! 

Erst sah man laaaaange nur den Sockel...
Erst sah man laaaaange nur den Sockel...
...dann wurden die Wolken lichter...
...dann wurden die Wolken lichter...
...und plötzlich gaben sie für einen Moment den Blick auf die Statue frei! Also nichts wie auf die andere Seite!
...und plötzlich gaben sie für einen Moment den Blick auf die Statue frei! Also nichts wie auf die andere Seite!

Nach einer knappen Stunde Wartezeit, in der wir uns nicht geschlagen geben wollten (immerhin kostete uns der Spaß umgerechnet fast 20€), haben sich tatsächlich für ein paar Minuten die Wolken um den Cristo gelichtet, woraufhin die ganze Menschenmenge in Fotoposition gegangen ist, sich an die Brüstung der Aussichtsplattform oder natürlich zu Füßen der Statue gestellt hat und dann geknipst wurde, was das Zeug hielt. Sehr lustig, wie auf einmal hunderte Menschen gleichzeitig auf Kommando lächeln, sich für verrückte Posen verrenken und dabei trotzdem ständig nervös zum Himmel gucken. Auch wir haben natürlich die wolkenfreie Minute genutzt und konnten so doch noch sowohl die Statue als auch Teile der Stadt sehen. Gott sei Dank. Oder Christus, wer auch immer....

Grinse-Katzen: In einer kurzen Wolkenpause war er auf einmal direkt hinter uns!
Grinse-Katzen: In einer kurzen Wolkenpause war er auf einmal direkt hinter uns!

Die letzten beiden Pflichtpunkte auf der Rio-Liste, der Zuckerhut und Ipanema (Strand), haben wir am letzten ganzen Tag in Angriff genommen. Auf Empfehlung unseres Reiseführers sind wir extra morgens zum sogenannten Pão de Açúcar gefahren, da zu dieser Tageszeit die Lichtverhältnisse zum Fotografieren besser sein sollten. Dank unserer Studentenausweise haben wir einen satten Rabatt von 50% auf den Eintrittspreis bekommen und sind munter mit der Gondel auf den berühmten Hügel gefahren. Doch – welch Überraschung – die Sicht war vernebelt, die blöden Wolken verdeckten mal wieder die Sicht. Maaaan, Rio! Hast du denn überhaupt keine Nachsicht mit uns? Als wäre diese Beschwerde ein Befehl zur Wetteränderung gewesen, verzogen sich auch diesmal die Wolken und da standen wir dann, mit Rio, einer der schönsten Städte der Welt, zu unseren Füßen.  

A cidade maravilhosa - Das wirklich wunderbare Rio de Janeiro ♥
A cidade maravilhosa - Das wirklich wunderbare Rio de Janeiro ♥
Blick auf den Zuckerhut und einen Teil der Stadt
Blick auf den Zuckerhut und einen Teil der Stadt

Zurück im Hostel machten wir ein kleines Mittagspäuschen, um danach noch mehr am Strand von Ipanema relaxen zu können. Für unsere und vielleicht auch für eure Ohren klingt Ipanema nach Exotik, schönen Menschen und Lebensfreude. Alle, die weiterhin dieses Traumbild erhalten möchten, sollten hier das Lesen beenden. Für diejenigen, die für die Realität offen sind, hier die traurige Wahrheit: Weder der Strand ist schön (nicht einmal für einen Stadtstrand), noch die Menschen. Besonders die Bademode in Brasilien ist... ähm, anders.

Es ist dort einfach nur dreckig, voll, heiß und nirgendwo sind Bäume oder andere Schattenspender. Wir sind deshalb im Schatten einer Wellblechwand gelandet, an der schon gut riechbar einige Menschen ihre Blase entleert haben... Allerdings hielt das sonnige Wetter sowieso nicht mehr lange an und wir waren ganz und gar nicht traurig, nach einer Stunde schon wieder zurück ins Hostel zu fahren.

Gewöhnungsbedürftige Bademode (Motto: Je knapper, desto besser) ...
Gewöhnungsbedürftige Bademode (Motto: Je knapper, desto besser) ...
... und ebenso gewöhnungsbedürftige Körper an der Ipanema

Dafür bot der Himmel einen schönen Anblick. Die Sonne schien so durch die Wolken, dass sich eine Art Regenbogen gebildet hat.
Dafür bot der Himmel einen schönen Anblick. Die Sonne schien so durch die Wolken, dass sich eine Art Regenbogen gebildet hat.

Abends hatten wir dort unseren ersten echt brasilianischen Caipirinha (eigentlich ja unserE erstE brasilianischE Caipirinha), mit dem wir auch gleichzeitig Abschied von Rio nahmen, denn es war unsere letzte Nacht in der cidade maravilhosa, der wunderbaren Stadt.

Eins steht jetzt aber schon fest: Es war nur die letzte Nacht in Rio auf unserer Reise, nicht aber die letzte überhaupt. Denn Rio ist irgendwann nochmal einen Besuch wert. Wir kommen wieder!!

Ein(e) Caipirinha bei Kerzenschein zum Abschluss
Ein(e) Caipirinha bei Kerzenschein zum Abschluss

Kommentare: 2
  • #2

    Mama Alena (Freitag, 27 März 2015 14:47)

    Brasilien ist übrigens das Land mit den meisten Schönheits-OP´s. Soviel Implantate wie in Brasilien werden nirgends "eingebaut", v.a. im Po.
    Na bei eurem Foto am Strand von der von hinten aufgenommenen Dame hat das Implantat schon Organgenhaut :-))

  • #1

    Alica (Donnerstag, 05 März 2015 20:19)

    Ihr süßen Hühner, ihr hab schon wirklich lange nichts mehr geschrieben (was sehr ungewöhnlich für euch ist), gehts euch gut? Wo seid ihr grade??