It's ok, alles ist auf Deutsch!

Dank der guten und präzisen Schilderung von Renato, unserem Coucher in Curitiba, kamen wir problemlos vom Flughafen zu seinem Apartment, wo er sogar dem Türwächter schon Bescheid gesagt hatte wie wir aussehen, damit dieser uns direkt hinein lassen konnte. Wow, was für ein organisierter Brasilianer!

Als er uns oben seine Wohnungstür öffnete, hätten wir wirklich nicht erwartet, was wir sahen: Alles war sehr neu und für einen so jungen Kerl wie ihn doch recht luxuriös eingerichtet.


Renato, der in seinen Nachrichten vor unserer Ankunft schon immer betonte, dass er etwas nerdig* sei, ist tatsächlich zwar ein unglaublich zuvorkommender, höflicher und ordentlicher Mensch, aber doch auch sehr schüchtern, passiv, ruhig und insgesamt etwas zu distanziert.

Da Renato werktags arbeiten musste, hatten wir seine Wohnung theoretisch täglich von halb acht bis 18Uhr für uns. Das haben wir an unserem ersten ganzen Tag in Curitiba auch richtig ausgenutzt und die weichen Betten, das saubere Bad, den gefüllten Kühlschrank (an dem wir uns AUSDRÜCKLICH bedienen sollten) und die Ruhe genossen, nachdem wir ja in São Paulo fast nur auf Achse waren. Solche Tage sind auf unserer Reise aber nicht nur wichtig, um mal wieder runter zu kommen, sondern auch für die Organisation der Weiterreise. Wir haben nämlich unsere Zeit in Curitiba genutzt und weitere Flüge gebucht, eine Unterkunft in Buenos Aires organisiert und Fotos geordnet. Alles Dinge, die irgendwann einmal gemacht werden müssen und für die man idealerweise viel Zeit mitbringt, um z.B. in Ruhe Flugpreise vergleichen zu können.

Allerdings wurde es uns nachmittags dann doch etwas sehr fad, weshalb wir beschlossen, uns noch ein bisschen die Beine zu vertreten. Unser Plan war, „mal schnell“ ins Zentrum zu fahren, einen Kaffee zu trinken, einmal um die Hauptkirche zu laufen und wieder zurück zu fahren. Aber aus „mal schnell“ wurden vier Stunden und der Kaffee durch einen Milchshake ersetzt. Es stellte sich nämlich heraus, dass Busfahren in Curitiba gar nicht so einfach ist und die Busse auch leider nicht so oft fahren wie die U-Bahn in São Paulo. Zudem war die Fahrtzeit deutlich länger als wir dachten und weil es keine Ansagen zu den Haltestellen gibt, wussten wir auch nicht genau, wo wir für's Zentrum aussteigen müssen.

Ein Café in der Haupteinkaufsstraße Curitibas (wohlgemerkt einer Fußgängerzone) zu finden, ist wie eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das wissen wir jetzt. Es gibt nichts, aber auch gar nichts zum Draußensitzen und Verweilen. Deshalb haben wir uns am Ende auch für einen Milchshake entschieden, den wir wenigstens auf einer Bank in der Sonne trinken konnten. Diese gemütliche Kaffeetrinkkultur, wie wir sie in Deutschland kennen, scheint zumindest in Curitiba noch nicht angekommen zu sein.  

 

*Für unsere Großeltern und sonstige Leser, die der Begriff nerdig stutzig macht: ein Nerd (sprich Nörd) ist laut Duden ein sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan.

Ein paar Impressionen von Curitiba bei unserem Bummel durch die Innenstadt (zugegebenermaßen die schönsten, die die Stadt zu bieten hat)
Ein paar Impressionen von Curitiba bei unserem Bummel durch die Innenstadt (zugegebenermaßen die schönsten, die die Stadt zu bieten hat)

Da wir schon mal in der Haupteinkaufsstraße waren, sind wir natürlich auch ein bisschen bummeln gewesen. Allerdings ohne jegliche Aussicht auf Kauferfolg: Die Schnitte, die Längen, die Farben und Muster – einfach nichts passt und gefällt uns hier. Abgesehen davon hätten wir beide sowieso nicht das Geld im Portmonnaie und den Platz für weitere Klamotten im Rucksack gehabt.

Was es hier nicht alles gibt :-D
Was es hier nicht alles gibt :-D

Nach einer verwirrenden Busfahrt zurück zur Wohnung und einer kleinen Odyssee durch Renatos Nachbarschaft (weil wir sowohl die falsche Linie als auch die falsche Haltestelle zum Aussteigen gewählt haben) haben wir zum Glück gegen acht, also noch bevor es dunkel wurde, die richtige Adresse gefunden.


Um uns selbst ein bisschen aus dem Gammel-Loch zu ziehen, in das wir durch Renatos bequeme Wohnung und ein wenig Antriebslosigkeit zu fallen drohten, stand für den nächsten Tag der Besuch des Oscar Niemeyer Museums an. Das ist eines der Wahrzeichen der Stadt und angeblich sehr sehenswert.

Unser Urteil: Joa, kann man sich anschauen, muss man aber nicht. Einzig die Fotoausstellung Genesis von Sebastião Salgado war wirklich beeindruckend.

(Für Begeisterte noch mehr Bilder hier)


Wenn schon das Museum an sich nicht viel zu bieten hatten, haben wir uns den Spaß eben selbst gemacht ;-)
Wenn schon das Museum an sich nicht viel zu bieten hatten, haben wir uns den Spaß eben selbst gemacht ;-)

Auf der To-Do-Liste des Tages stand nach dem Museumsbesuch der Panorama-Turm, wo wir auch hingefahren sind. Schon am Eingang sprach uns aber ein Mitarbeiter an und erklärte, dass der Turm momentan für Besucher gesperrt sei, da der Aufzug kaputt gegangen ist. Wann die Reparaturarbeiten beendet werden, wusste er leider nicht. Dafür gab er uns einen Zettel mit einer Informations-Hotline mit, bei der wir in ein paar Tagen anrufen sollten, sofern wir noch Lust hatten, auf den Turm zu steigen. Da bekämen wir Auskunft zum Stand der Reparatur.

Sehr schade, gerade auf die schöne Aussicht bei Abendsonne hatten wir uns wirklich gefreut. Um uns wenigstens eine andere Freude zu machen, haben wir Renato vorgeschlagen, Spätzle zu kochen. Der war sowieso schon die ganze Zeit über sehr neugierig auf die deutsche Kultur, wollte immer wieder Wörter wissen und hat sich natürlich auch gefreut, dass er nun etwas Deutsches (mit)kochen durfte. In seiner Akribie hat das Spätzleschaben vom Holzbrett natürlich um ein Vielfaches länger gedauert als normalerweise, aber wenn unser Nerd doch seine Freude daran hatte... ;-) Geschmeckt haben sie jedenfalls – ihm und uns sowieso.

Nicht nur Renato hat zum ersten Mal Spätzle gemacht...
Nicht nur Renato hat zum ersten Mal Spätzle gemacht...
... auch für Kristina war das Schaben vom Brett eine Premiere.
... auch für Kristina war das Schaben vom Brett eine Premiere.

Am Freitag waren wir im botanischen Garten, der eher einem Park gleicht und haben abends gemeinsam mit Renato auf einem lokalen Essensmarkt das Wochenende eingeläutet. 

Dort gab es zig Stände, die alle Gerichte und Speisen aus verschiedenen Ländern anboten. Ob wohl auch eine deutsche Bude vertreten sei, fragten wir unseren Gastgeber. Natürlich, meinte Renato und führte uns direkt dort hin. Allerdings kann man sich ja schon denken, dass ein Stand mit deutschem Essen in Brasilien etwas anderes anbietet als tatsächlich originalgetreue deutsche Gerichte. Anscheinend schmecken dem Brasilianer Bratwürste mit Sauerkraut und Kartoffelbrei – im Brötchen! Aber das ist doch alles typisch Deutsch, verteidigte Renato seine Landsleute. Ja, an sich natürlich schon, aber doch nicht ZUSAMMEN als Weggla... 

Nicht authentisch, aber trotzdem witzig: Der deutsche Stand auf dem freitäglichen Essensmarkt
Nicht authentisch, aber trotzdem witzig: Der deutsche Stand auf dem freitäglichen Essensmarkt

Als wir überlegt haben, was wir nach dem Marktbesuch noch machen könnten, haben wir uns schließlich gegen eine Bar und stattdessen für einen Filmabend entschieden. Zum Glück, denn nach vier Tagen war Renatos permanente Überfreundlichkeit nicht mehr ganz so leicht zu ertragen. Es ist ja grundsätzlich ganz angenehm, wenn jemand einem ständig alles abnehmen will - den Abwasch, das Tütentragen, den Gang zum Bäcker – aber irgendwann reicht es einfach, wenn er immer nur It's ok und I see zu allem sagt. Um einen wahrscheinlich recht schweigsamen Abend in einer Bar zu umgehen (er hat immer nur dann etwas gesagt, wenn wir etwas gefragt haben), haben wir bei ihm den Film „Frozen“ angeschaut. Renato gab offen und ehrlich zu, gerne Animationsfilme zu schauen, doch dass er diesen Film in seiner Sammlung hatte, kann einem schon zu denken geben (für alle, die den Film nicht kennen: Frozen ist einer der neuesten Disney-Filme, in dem es um zwei Prinzessinnen geht, wovon die eine die Macht über Eis und Schnee hat und ihr Volk damit ins Unglück treibt. Ihre Schwester muss die Situation retten und am Ende findet sie dabei ihre große Liebe). Der Film ist wirklich super süß und wir können ihn echt empfehlen, aber dass er in der Kollektion eines fast 30-jährigen auftaucht... Interessant ;-)

Nachdem wir am Samstag alle ausgeschlafen hatten, machten wir uns zum ersten Mal zu dritt auf den Weg, denn Renato musste ja nicht arbeiten. Unser Ziel war ein erneuter Versuch, auf den Panorama-Tum hochzufahren – diesmal hat es geklappt! - und der Park Tanguá, der größte und angeblich auch schönste Curitibas. Naja, bleibt uns zumindest zum Park zu sagen. 

Blick vom Panorama-Turm auf die Stadt
Blick vom Panorama-Turm auf die Stadt
Tanguá-Park
Tanguá-Park

Es muss ein bisschen überheblich und gelangweilt klingen, wenn wir hier so oft schreiben, dass vieles, was wir sehen nicht besonders aufregend oder vielleicht sogar langweilig finden, aber das hat zwei sehr plausible Gründe: Erstens stumpft man ab, wenn man, so wie wir, ständig ähnliche Dinge sieht und zweitens unterscheidet sich die Interpretation eines „schönen“ Parks/Dorfes/Strandes eines Südamerikaners gegenüber der eines Euopäers wirklich erheblich. Ein hundert Jahre altes Gebäude ist hier eine Wunder was tolle Attraktion, wohingegen wir da nur müde lächeln können und z.B. an Städtchen wie Rothenburg denken, das auf die Menschen hier wie eine unwirkliche Märchenwelt wirken würde. Dazu fällt uns gerade auch ein, dass uns mal jemand gefragt hat, warum wir denn nicht den Norden Brasiliens bereisen, sondern den Süden mit seinen ganzen Städten. Die Natur wäre doch das, was nicht nur in Brasilien, sondern generell in Südamerika das schönste und sehenswerteste ist.

Auch wenn wir mit den sogenannten Sehenswürdigkeiten der Städte nichts anfangen können, so bleibt wenigstens weiterhin die Begeisterung für's Essen. Und damit wären wir zurück beim Thema.

Als Abschlussabend hat Renato vorgeschlagen, ein Churrasco zu veranstalten (ja tatsächlich, ER hat das vorgeschlagen!). Juhuu, wieder ein Churrasco! Mit den zwei eingeladenen Freunden und Arbeitskollegen Tobias und Gustavo von unserem Couchsurfinghost hatten wir einen lustigen Abend, endlich mal wieder „normale“, Fragen stellende, Witze reißende Gesellschaft, und sogar Renato selbst ist nach ein paar selbstgemachten Caipirinhas aufgetaut. Und was das Essen angeht, man mag ja über Renato sagen, was man will, aber wie er das Fleisch an diesem Abend gegrillt hat – Hut ab! Das war, wie wir jetzt im Nachhinein wissen, das beste Picanha, das uns je aufgetischt wurde (Picanha ist ein Schwanzstück vom Rind, sehr ähnlich dem, was wir als Tafelspitz bezeichnen, nur mit mehr Fett. Es ist beim brasilianischen Churrasco DAS Fleisch schlechthin).

Durch unsere öffentliche Anfrage auf der Couchsurfing-Plattform für ein Sofa in Blumenau hat uns ein gewisser Daniel Hoppe auf Deutsch angeschrieben, dass er uns zwar nicht beherbergen könne, dafür aber am Sonntag mit dem Auto von Curitiba nach Blumenau fahren würde und sich gerne als Mitfahrgelegenheit für uns anbietet. Wow, wie nett! Natürlich haben wir sein Angebot angenommen und auf der dreistündigen Fahrt einiges über ihn erfahren: Sein Nachname stammt von seinen Vorfahren, die Deutsche waren, er selbst ist aber in Brasilien geboren und aufgewachsen. Für seinen Job hat er zwei Jahre in München gelebt, weshalb er auch fließend Deutsch spricht. Bei seinem Aufenthalt hat er seine Freundin kennengelernt, die zu der Zeit in Deutschland studierte und zufällig aus Curitiba kommt, was von Blumenau ja nicht sooo weit weg ist. Deshalb pendeln sie jetzt jedes Wochenende. Süß :-)

Die Autofahrt, auf der wir uns ausschließlich auf Deutsch unterhalten haben, war der perfekte Einstand für Blumenau, die wahrscheinlich deutscheste Stadt in ganz Brasilien.

Gegen halb neun wurden wir total freundlich von Henrique und seinem Vater begrüßt, die uns für ein paar Tage bei sich in Blumenau aufnahmen. Das mit dem Couchsurfen klappte ja bisher super in Brasilien!

Beim gemeinsamen Abendessen stellte sich heraus, dass Henriques Großeltern ausgewanderte Deutsche waren und wir uns deshalb mit seinem Vater tatsächlich in unserer Muttersprache unterhalten konnten! Sein Deutsch klang natürlich etwas eingerostet und zum Teil auch veraltet, aber im Großen und Ganzen konnten wir uns gegenseitig verstehen. Henrique war allerdings raus, er verstand (fast) kein Wort.

Am nächsten Tag sind wir mit unserem Coucher durch die Stadt gefahren um uns die Highlights von Blumenau zeigen zu lassen – es war einfach zu heiß und zu schwül um alles zu Fuß abzulaufen oder mit dem Rad zu fahren. Henrique hat uns zu einen wunderschönen Park inmitten der Stadt gebracht, der fast einem kleinen Dschungel glich (ja, dafür sind wir auch aus dem Auto gestiegen und eine halbe Stunde durch den Park gelaufen). 

Danach standen noch ein Wasser- und ein Biermuseum auf dem Programm. Während der ganzen Fahrten von einem Ort zum nächsten fiel uns deutlich auf, wie präsent Deutsch in Blumenau ist.

Überall liest und hört man unsere Sprache, hier eine „Metzgerei“, dort das „Kaffeehaus Gloria“, sogar die Informationstafeln an den touristischen Punkten waren auf Portugiesisch und Deutsch geschrieben (KEIN Englisch!). Und auch die Architektur vieler Häuser gleicht mehr der eines idyllischen, süddeutschen Städtchens in Bayern als einem Ort in Brasilien.

Am Ende unserer Tour landeten wir in der Vila Germânica, dem Gelände, auf dem das hiesige Oktoberfest stattfindet, und genossen endlich ein kühles Bier. Bei der Bestellung hatten wir die Wahl zwischen zig verschiedenen Biersorten, v.a. natürlich aus Deutschland. Sogar Bamberger Schlenkerla Rauchbier gab's zur Wahl! Einen eher unangenehmen Teil der deutschen Kultur gab's leider für die Ohren: Das ständige Gedudel deutscher Schlager aus den Boxen des Biergartens ging uns schon nach wenigen Minuten auf die Nerven. Schlechte Musik bleibt eben auch im Ausland schlechte Musik!

Beim Biertrinken stieß Felipe, ein Freund von Henrique, zu uns. In der Runde entstand der spontane Plan, am nächsten Tag gemeinsam zum Strandhaus der Eltern von Felipe und dessen Bruder Gustavo zu fahren. Ob wir mitkommen wollen? Na, aber klar doch! Müssen wir halt unseren Aufenthalt in Florianópolis verkürzen, aber das Angebot klang einfach zu verlockend.

Gesagt, getan: Am späten Nachmittag des nächsten Tages kamen wir in Itapema an, einem kleinen Ort am Meer, etwa eine Autostunde südlich von Blumenau. Die Wohnung war genial gelegen, direkt am Strand und mit riesigen Panorama-Fenstern mit Meerblick.

Die zwei Tage dort mit den beiden Jungs haben sich angefühlt wie Urlaub mit langjährigen Freunden. Wir haben uns alle so gut verstanden, als würden wir uns schon viel länger kennen. Wir haben gemeinsam gekocht, Apfelstrudel gebacken, Frisbee gespielt, Strandspaziergänge gemacht, frischen lokalen Fisch und Garnelen gegrillt, selbstgemixte Caipirinhas am Strand getrunken, erste Versuche beim Stand-Up-Paddeling unternommen, den Blick von einem Aussichtsturm genossen und Fingerspitzengefühl beim Turmspiel Jenga erwiesen.

Die Itapema-Crew: Kristina, Felipe, Henrique und Alena
Die Itapema-Crew: Kristina, Felipe, Henrique und Alena

Es ist deshalb auch kaum verwunderlich, dass es uns diesmal nicht so leicht fiel, tschüss zu sagen. Doch nach dem Mittagessen wartete auf uns der Bus nach Florianópolis und die Uni auf die Jungs. So gerne wir also alle diese gemeinsame Zeit noch ausgedehnt hätten, Henrique und Felipe mussten zurück und brav lernen und auch unsere Reise muss ja weitergehen! Und wer weiß, was Florianópolis für uns bereit hält?

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