Don't cry for me Argentina - wir kommen ja wieder

Nach der Rückkehr aus der Salar de Uyuni am 22.12. um ca. 17:30 Uhr wollten wir eigentlich noch entspannt etwas essen gehen und ein paar Snacks für die bevorstehende Busfahrt nach Salta in Argentinien einkaufen. Uns wurde Tage zuvor mitgeteilt, dass die Grenze Bolivien/Argentinien 24 Stunden geöffnet hätte (oha, erstaunlich. Aber was Öffnungszeiten in Südamerika angeht, wundert uns eigentlich nichts mehr). Der letzte Bus von der Grenzstadt Villazón nach Salta fahre allerdings um 23 Uhr und wir somit sollten spätestens um neun in Tupiza aufbrechen. Wir dachten also, alles schön gemütlich, wir haben doch noch drei Stunden – bis die Tochter der Hostelbesitzerin Dampf gemacht hat. 24 Stunden?! Nein, nein, wer hat das denn erzählt (- ihre Mutter...), die Grenze schließt um 20 Uhr – und zwar argentinischer Zeit, also 19 Uhr hier!! Schnell, wenn ihr jetzt noch den Taxibus erwischt, könnten sie euch gerade noch so rüber lassen.

Wir also in Affentempo die Rucksäcke umgepackt, im Vorbeifliegen noch einen Hamburger gekauft, um überhaupt etwas im Magen zu haben und dann ab in den Minibus zur Grenze. Veronica, die Italienerin vom Uyuni-Trip, wollte auch noch an diesem Tag nach Argentinien und hat sich uns angeschlossen. Wie lange der Bus denn zur Grenze brauche? Eine Stunde, ahja, na dann aber bitte flott! Alle drei saßen wir wie auf Kohlen, haben nach minütlichem Checken der Uhr ständig nervöse Blicke ausgetauscht und schon hin und wieder resignierend den Kopf geschüttelt. Als wir dann auf einem Straßenschild Villazón 85km gelesen haben, war unsere Hoffnung, an diesem Tag noch die Grenze überqueren zu können, vollends dahin. Nicht mal unter deutschen Autobahnverhältnissen hätte es dieser Bus in 60 Minuten 85km weit geschafft, geschweige denn mit Stopps und eine kurvige Bergstraße entlang fahrend. So konnten wir während der restlichen Fahrt also ausgiebig darüber nachdenken, welches Wunder passieren müsste, dass wir doch noch morgen in Salta ankommen.

Nach einer bolivianischen Stunde mit genau 80 Minuten erreichten wir Villazón und hetzten uns ab, die Rucksäcke zu schultern und nach dem Weg zur Grenzkontrolle zu fragen. „Tranquilo, ganz ruhig!“, versuchte der Busfahrer uns zu beruhigen, „die Grenze schließt doch erst um 21 Uhr“. Wie bitte?! Wir sind durch die Wartehölle gegangen und haben uns schon eine ätzende Nacht im Grenzkaff Villazón ausgemalt, und jetzt hieß es auf einmal 9 Uhr argentinischer Zeit?? So langsam wussten wir wirklich nicht mehr, was wir glauben sollten. Deshalb stapften wir trotz vermeintlichen eineinhalb Stunden bis zur Schließung im Eiltempo (oder so schnell es eben für uns als knapp zwei Zentner schwere Rucksack-Mensch-Klopse auf zwei Beinen geht) zur Kontrolle und siehe da – ein Haufen lauter und unorganisierter Südamerikaner wartete noch auf den Übergang nach Argentinien. Um wirklich sicher zu gehen, dass diese „Schlange“ von Menschen auch wirklich nicht nur zum Spaß oder aus sonstigen unerfindlichen Gründen nahe der Grenze steht, fragten wir einen Beamten nach der Schließzeit der Kontrollposten. „Mitternacht, chicas! Mitternacht.“ War das denn zu fassen...

Ein gemütlicher Abend mit leckerem Essen in Tupiza, eine entspannte Busfahrt ohne bedrohlich hohen Puls, kein hetzender, sondern gemütlicher Gang zur Grenzkontrolle – all das wäre tatsächlich möglich gewesen, weil die Grenze in Villazón nämlich erst UM MITTERNACHT SCHLIESST, MAN!!  

Na gut, man soll ja immer das Positive an den Dingen sehen. Und in unserem Fall hieß das, wir hatten genügend Zeit, unsere Busfahrt nach Salta zu organisieren und sogar noch etwas essen zu gehen. Am Busbahnhof verabschiedeten wir uns von Veronica, die eine Verbindung in eine andere argentinische Stadt nahm und kümmerten uns um unser Ticket nach Salta. Schnell bekamen wir heraus, dass nur zwei Busgesellschaften in Frage kamen, die jedoch im Endeffekt den selben Bus benutzten. Allerdings – wir sind ja schließlich in Südamerika – zu unterschiedlichen Preisen! Diese Hunde... Nachdem wir uns natürlich die günstigeren Tickets besorgt hatten, haben wir noch einen Happen gegessen und schließlich die Nachtfahrt nach Salta angetreten.  

Um halb sieben wurden wir am Busbahnhof von Daniela empfangen, die uns das gebuchte Apartment vermietete. Sie war von Anfang an super hilfsbereit und freundlich und hat uns einen Kontakt organisiert, bei dem wir unsere Dollar zu einem guten Preis in argentinische Pesos tauschen konnten (da in Argentinien alle nach dem US-Dollar lechzen, bekommt man unter der Hand statt den offiziellen 8 Pesos 12,5 oder mehr für einen Dollar). Den ganzen Tag über hat sie uns durch Salta kutschiert, uns die wichtigsten Dinge über die Stadt erklärt und uns natürlich ein bisschen herumgeführt. In den folgenden Tagen war sie auch immer sofort zur Stelle, wenn wir ein Anliegen hatten (gibt’s mehr Klopapier? Könnten wir uns von ihr eine Auflaufform und einen Mixer leihen? Weiß sie zufällig, welche Busgesellschaft nach Iguazú fährt?).

Den 24.12. haben wir mit einem Bummel durch die Innenstadt begonnen, bei dem wir uns mit weißen Oberteilen für Silvester eingedeckt haben. An Silvester in Brasilien weiß zu tragen, sei nämlich unerlässlich, haben wir erfahren. Das halte die bösen Dämonen fern und bringe Glück, so die Erklärung. Nach leckeren Empanadas, Humitas und Tamales als Zwischensnack (was gibt es schöneres, als neue Köstlichkeiten zu probieren), haben wir zu Hause unser Heilig-Abend-Essen vorbereitet: Gemüselasagne. Mit Hackfleisch ;-)

Felices Fiestas - ja, wir hatten tatsächlich fröhliche Weihnachten
Felices Fiestas - ja, wir hatten tatsächlich fröhliche Weihnachten

Bevor ihr jetzt zur Frage ansetzt, wie es sich denn anfühlt, Weihnachten ohne Kälte, ohne Schnee, ohne mummeliges Sofakuscheln und vor allem ohne Familie zu verbringen – hier kommt schon die Antwort.
An Weihnachten bei 30 Grad im Schatten zu schwitzen, statt Glühwein gut gekühlten Weißwein zu trinken und lieber in einen Pool springen statt sich in eine warme Decke wickeln zu wollen, ist wirklich auszuhalten. Gut sogar. Auch bei Sommertemperaturen schmecken Plätzchen hervorragend, wie wir festgestellt haben. Das einzige, was tatsächlich fehlte, das wart ihr. Obwohl der Tag in unseren beiden Familien längst nicht mehr als das Weihnachtsfest mit seinem ursprünglichen Hintergrund gefeiert wird, ist es doch ein Tag, an dem Familie und Freunde zusammen kommen und eben einfach beisammen sind. Wenn man dann bei so einer Gelegenheit auf der anderen Seite der Welt alleine in einem Apartment sitzt und einerseits daran denkt, was natürlich für Festessen zu Hause in Deutschland aufgetischt werden, andererseits wie viel Liebe und Wärme eine Familie gerade an diesem Tag geben kann, da können schon mal ein paar Tränchen fließen. Nichtsdestotrotz war eine Erfahrung wert, Weihnachten einmal ganz woanders zu sein und zu feiern. Immer mal was Neues, das ist doch schließlich auch ein bisschen das Motto, wenn man eine solche Reise wie die unsere macht, stimmt's?

Unser Festessen: Gemüselasagne, mit viel Liebe und Hackfleisch gemacht
Unser Festessen: Gemüselasagne, mit viel Liebe und Hackfleisch gemacht

Der erste Weihnachtsfeiertag unterscheidet sich auch in Argentinien trotz tausender Kilometer Distanz nicht groß von dem in Deutschland. Alles hat zu und alle sind faul. Mit dem Unterschied, dass in Argentinien die Trägheit deutlich zur Schau gestellt wird, indem Stühle und Tische in den Garten oder die offene Garage/Einfahrt gestellt werden und demonstrativ mit möglichst urlaubsähnlichem Outfit Musik gehört und dazu viel getrunken und gegessen wird. Nachdem wir das gesehen hatten, sind wir guten Gewissens wieder zurück in die Wohnung und haben den ganzen Tag einfach ganz argentinisch zu Musik, Speis und Trank (selbst gemachte Käsespätzle, Cidre und Wein) nichts gemacht.  

Alles selbstgemacht. Lecker.
Alles selbstgemacht. Lecker.

Faulenzen ist jedoch nichts auf Dauer und weil wir uns ja diesbezüglich kennen, haben wir uns noch am 24.12. eine entspannte Tour organisiert, Typ „Busfahren, aus dem Fenster schauen, sich mit Erklärungen berieseln lassen und ab und zu mal für ein klischeehaftes Foto aussteigen (wenn man mag).“ Die Fahrt ging morgens um acht los, wir wurden durch das ….. bis nach Cafayate bringen lassen, ein kleines Örtchen südlich von Salta, das besonders für seinen Wein bekannt ist. Den durften wir in einer Winzerei sogar kostenlos probieren. Nach einem kurzen Rundgang durch das Städtchen auf eigene Faust und einem Wein-Eis ging es schon wieder zurück nach Salta. Was für ein gemütlicher Ausflug für einen zweiten Weihnachtsfeiertag!


Beim Packen am nächsten Tag waren wir tatsächlich etwa traurig, „unser“ Apartment verlassen zu müssen und Dani Tschüss zu sagen. Es tat so gut, endlich mal alles stehen und liegen lassen zu können, keine Frühstückszeiten einhalten und nicht auf ein freies Bad warten zu müssen. Banale Dinge, die auf so einer Reise aber einen kleinen Luxus darstellen.

Am späten Nachmittag kamen wir also zum letzten Mal in den Genuss von Danielas privatem Chauffieren und wurden zum Busbahnhof gebracht. Mit Tigre Iguazú ging es mit einem Umstieg und ein paar Unannehmlichkeiten (nichts kommt eben an Cruz del Sur ran) wie einem überfluteten Busboden und einem eigentlich verpassten Anschlussbus, den wir dann aber doch noch erwischten, in 26 Stunden nach Puerto Iguazú. Es ist einfach unglaublich, wie weite Strecken man hier in Südamerika zurücklegen kann, ohne ein Land zu verlassen... 


Als wir uns schon Puerto Iguazú näherten, regnete es sehr stark, sodass wir befürchteten, unser Ausflug zu den Wasserfällen könnte ein ziemlich nasses Unterfangen werden. Als wir jedoch unser Hostel erreichten, hatte der Regen schon aufgehört und sogar die Wolken verzogen sich langsam und gaben den Blick auf die Abendsonne frei.

Im Hostel machten wir Quirinos Bekanntschaft, einem Neuseeländer, der spontan vorschlug, gemeinsam etwas Essen zu gehen. Und was hätte sich besser angeboten, als einen anstrengenden Tag mit stundenlangem Busfahren mit einem echten argentinischen Steak zu beenden. LECKER!!!

Auf dem Nachhauseweg kamen sogar die Sterne heraus, das Wetter schien also ins Gute umzuschlagen. Na Gott sei Dank!

… das hätten wir mal lieber nicht sagen sollen. Unser akkurat durchgeplanter Tag für den Besuch des Nationalparks Iguazú begann zwar mit einem blauen Himmel, der wurde aber ab 10 Uhr zunehmend grauer und grauer. Wir hatten im Voraus eine überteuerte Bootsfahrt gebucht, bei der man eine viertel Stunde lang ganz nah am Wasserfall entlang gefahren wird. 15 Minuten für kanpp 20 Euro, das ist ein verhältnismäßig teurer Spaß, aber wie oft kommen wir nochmal an diesen Ort? Im Park mussten wir eine Uhrzeit bestimmen, zu der wir die Bootsfahrt antreten wollen und entschieden uns gegen den Rat des Parkaufsehers, erst Boot zu fahren und danach den Parkzug zur eindrucksvollen Garganta del Diablo (Teufelsschlund) zu nehmen. Wir wollten zuerst die Hauptattraktion gesehen haben und dann den Rest abhaken, wie die vielen kleinen Wasserfälle und eben die Bootsfahrt. Im Nachhinein hat sich diese Entscheidung auch als die richtige herausgestellt, denn es hat kaum zehn Minuten gedauert und es begann zu nieseln. Als wir den Teufelsschlund erreicht hatten, regnete es schon normal stark, sodass wir kaum mehr Fotos machen konnten, da von allen Seiten das Wasser auf die Kameralinsen spritzte. 

Ständig glitt unser Blick zum Himmel und man hätte meinen können, wir versuchten, das Wetter zu beschwören. Irgendwas lief dabei aber falsch, denn statt weniger wurde der Regen nur noch stärker. Und statt eines typischen Tropenregens, der nach ein paar Minuten oder längstens nach einer Stunde wieder aufhört, erwischten wir den einzigen Tag der ganzen Woche, an dem der amazonische Wettergott wohl schlechte Laune hatte. In strömendem Regen und mit bereits durchnässten Regenjacken liefen wir durch den Park und steuerten um zwei für unser nautisches Abenteuer zum Bootsanleger. Da uns schon den ganzen Vormittag immer mal wieder Menschen über den Weg liefen, die aussahen wie frisch geduscht, nahmen wir an, dass durch die Bootsfahrt auch noch der Rest trockener Klamotten nass wird. Also raus aus den noch nicht nassen T-Shirts und rein in den Bikini! Denn kalt war es eigentlich nicht wirklich, nur die nassen Klamotten auf der Haut ließen uns etwas frösteln.

Nach nur wenigen Minuten im Boot lobten wir uns gegenseitig für die Bikini-Entscheidung. Der Steuermann fuhr das Boot nämlich mehrmals fast IN den Wasserfall hinein! Zum Glück war das Wasser richtig warm, nicht vergleichbar mit dem kühlen Regen und wir wurden davon direkt wieder aufgewärmt. 

Einfach pitschnass
Einfach pitschnass

Nach dem tatsächlich sehr witzigen Bootabenteuer beschlossen wir, unsere T-Shirts und Regenjacken erst gar nicht wieder anzuziehen, da wir nun sowieso schon von oben bis unten durchnässt waren. Zwar ernteten wir damit ein paar seltsame Blicke von anderen Parkbesuchern, die in Regencapes, feste Schuhe und lange Hosen ein gepackt waren, aber wen kümmert's? :-)

Wir nahmen diesen mehr als nassen Tag letztendlich mit Humor - was blieb uns schon anderes übrig. Immerhin hatten wir ja noch die Möglichkeit, am nächsten Tag nach Überquerung der Grenze zusätzlich die brasilianische Seite der Wasserfälle anzuschauen und so vielleicht doch noch in den Genuss eines Gut-Wetter-Himmels als Kulisse für die Wasserfälle zu kommen. Außerdem freuten wir uns den ganzen Tag über schon auf das Abendessen, was wir uns tags zuvor ausgesucht hatten: Ein Restaurant bot uns ein unglaublich leckeres und vielfältiges Buffet für schlappe 10€/Person an!! Da war wirklich alles dabei: Antipasti, Suppen, Salate, Fleisch/Fisch/Gemüse frisch vom Grill, Nudeln auf Bestellung und sogar Nachspeisen. Wir haben geschlemmt wie zwei Königinnen und wären am Ende wirklich fast geplatzt. 


Mit einem Champagner auf's Haus (der Kellner hatte einen Narren an uns gefressen und uns schon den ganzen Abend besonders aufmerksam bedient) ging so der vorerst letzte Tag in Argentinien zu Ende. 

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