Die letzte Südamerika-Station: Chile

Wenn man, so wie wir, glaubt, dass man mal eben gemütlich über Nacht von Argentinien nach Chile fahren kann, wie es zum Beispiel von Brasilien nach Uruguay der Fall war, denn irrt man sich gewaltig. Als wir nachts um zwei draußen in der Kälte standen, dachten wir wehmütig an die Nachtfahrt von Porto Alegre nach Punta del Este, bei der wir abends in den Bus eingestiegen sind, unsere Pässe eingesammelt wurden und wir am nächsten Morgen erholt am Ziel aufgewacht sind, wobei der Grenzübertritt komplett von der Busgesellschaft abgewickelt wurde. Stattdessen froren wir nun mitten im Nichts bei Temperaturen um die 10°, weil der Bus in der Kontrollschlange hinter einem anderen Fahrzeug stand und dabei alle Passagiere aussteigen mussten. Außerdem brauchten wir ja unsere Einreisestempel, um die wir uns selbst kümmern mussten. Hier eine Schlange für die Ausreise aus Argentinien, hier eine für die Einreise nach Chile und weil das immer noch nicht reichte an Aufwand, mussten wir alle unser Gepäck aus dem Laderaum holen, woraufhin es gescannt und sogar von einem Spürhund überprüft wurde! Wir waren auf so ein langes Prozedere nicht vorbereitet, weshalb unsere Jacken auch unzugänglich im Reiserucksack waren.

Nach fast eineinhalb Stunden war endlich alles kontrolliert und bescheinigt und wir konnten die letzten drei Stunden bis nach Valparaíso antreten.

Völlig gerädert kamen wir dort um kurz nach sechs Uhr an, ließen uns von einem Taxi zu unserem Hostel Casa Fisher bringen und haben erstmal noch im Aufenthaltsraum eine Runde geschlafen, da wir ja lange vor der Zeit zum Einchecken ankamen. Als wir wieder die Augen öffneten, sahen wir aus dem Fenster zum ersten Mal die Stadt und das schlechte Wetter. Grau, trüb, nebelig und diesig. Warum genau wollten wir nochmal nach Chile? … Unser Unmut über die schlaflose Nacht und die Ungeduld über der noch zehn Tage entfernt liegenden Abflugtag lösten sich dann aber schnell in Luft auf, als wir uns nach einem ausgedehnten Frühstück mit der Kamera in der Hand unseren Weg durch Valparaíso bahnten. Die Wolken verzogen sich gegen Mittag und die Sonne lachte an einem strahlend blauen Himmel (exakt diesen Morgen-Mittag-Wetterumschwung gab es auch in den darauf folgenden Tagen) und wir waren auf einmal verzückt von diesem kleinen Städtchen am Meer.

Überall die charmanten bunten Häuschen, die Wandmalereien, für die Valparaíso bekannt ist und die über der ganzen Stadt schwebenden Mischung aus Melancholie über die Vergangenheit der Prachtzeiten, die Sehnsucht, hervorgerufen durch das überall präsente Meer und die allseits sichtbare Kreativität.

Da wir uns inmitten dieser Stimmung wie in einem „normalen“ Urlaub fühlten, gönnten wir uns gleich mal ein Mittagessen im Restaurant, wo wir seit langem mal wieder Fisch gegessen und gleichzeitig die Spätsommersonne genossen haben.

Am nächsten Tag organisierten wir ein paar Dinge für Neuseeland und unseren Camper (Kerzen, Spülmittel, Schwamm – alles, was dort teuer sein könnte) und schlossen uns nachmittags einer Free Walking Tour an. Da wir die spanische Version wählten, war die Gruppe mit sieben Leuten sehr übersichtlich. Unser Guide Cristian bot uns in den folgenden zwei Stunden einen wirklich richtig guten Einblick in die Geschichte der Stadt und zeigte uns die schönsten Sehenswürdigkeiten. Als wenn die Tour an sich nicht sowieso schon toll gestaltet gewesen wäre, gab es auch noch einen kostenlosen, von einem gewissen Don Sergio gebackenen Alfajor (zwei Kekse, dazwischen eine Art Karamellschicht, alles überzogen mit Schokolade) und am Ende ein Gläschen Chichón, ein lokaler Cocktail, für jeden.

Die beiden verbleibenden Tage haben wir weitere ausgiebige Spaziergänge durch die fotogene Stadt gemacht (Kristina regt sich allerdings bis heute über die so unglaublich hässlichen Stromkabel auf, die jedes Foto versauen), Eis in einer der angeblich 25 besten Eisdielen der Welt, „Emporio La Rosa“, gegessen, das Naturkundemuseum besucht und uns in einem schnuckeligen Café namens La Flor ein Stück sündhaft teuren Käsekuchen mit Himbeermarmeladenglasur geteilt.


Natürlich haben wir auch nicht die für Valparaíso bekannte Chorrellana verpasst, ein Gericht, das mehr verspricht als es dann tatsächlich hält. Angepriesen wurde es uns als eine riesige Portion aus allerlei Frittiertem: Kartoffeln, Zwiebeln, Fleisch, Eier. Nach den Beschreibungen klang es wirklich interessant, aber am Ende war es einfach nur ein Haufen Haufen Pommes mit wenig gedünstetem Fleisch und ein paar Zwiebelchen. Wo die Eier sein sollten, wussten wir auch nicht. Dafür gab's einen Liter Bier, der mit 1800Pesos = 2,70€ für Chile und auch generell super günstig war.  

Auf dem Weg zum Chorrellana-Restaurant haben wir noch eher zufällig ein grausames Naturspektakel miterlebt. Entfernt auf einem anderen Hügel der Stadt wütete ein Brand, der vom Wald auf die Häuser übergesprungen ist, bei dem, wie wir am nächsten Tag aus den Nachrichten entnehmen konnten, sogar ein Mensch umkam.  Abergläubische würden jetzt sagen, dass lag ganz sicher am Freitag, dem 13ten...

Am 15.3. fuhren wir nachmittags zu unserer allerletzten Station in Südamerika, in Chiles Hauptstadt Santiago de Chile. Hier hatten wir uns wieder einen Couchsurfer gesucht. Cristian war diesmal sein Name. Zum Glück hat er zu unserer Ankunftszeit noch einen anderen Gast, Ben(jamin) aus Frankreich, beherbergt, da weder Cristian noch sein Bruder, der mit in der Wohnung lebte, großartig gesprächig waren und wir uns so immerhin mit Ben gut verstanden haben.

Obwohl uns bekannt war, dass Santiago als Stadt nicht sooo viel zu bieten hat (besonders dann nicht, wenn man direkt aus dem schönen Valparaiso kommt), haben wir auch hier eine der kostenlosen Stadtführungen von „Tour 4 Tips“ mitgemacht. Erwartungsgemäß war sie längst nicht so unterhaltsam wie die Schwestertour in Valparaiso, aber immerhin eine schöne Geschichte haben wir dadurch erfahren. Die Geschichte handelte von den Straßenhunden Santiagos, den sogenannten Quiltros:

Es gibt wohl ca. 1 Mio. von ihnen und vor etlichen Jahren noch wurden die sie von Hundefängern eingefangen und danach in den Kanal geworfen. Da viele Haushunde mit Besitzern jedoch die Freiheit haben, kommen und gehen zu können, wann sie wollen, wurden auch sie versehentlich eingefangen. Daraufhin haben die Hundebesitzer jeden Morgen Hunde aus dem Kanal gerettet. Irgendwann kam die Bevölkerung von Santiago auf die Idee, den Hunden diese Tortur zu ersparen und sie, statt sie aus dem Wasser zu retten, gleich vor den Hundefängern zu schützen, indem sie den Quiltros für die Nacht, also der Arbeitszeit der Hundefänger, Unterschlupf gewährten. Anschließend wurden die Hunde wieder auf die Straße entlassen bis zum nächsten Einsatz der Tierfänger. Da die Arbeit der Hundefänger so einer Sisyphusarbeit glich, stellte die Regierung dieses "Programm zur Bekämpfung des Sraßenhunde-Problems" nach einiger Zeit wieder ein.

Mittlerweile gehören die Quiltros mit zum Bild der Stadt und die Bewohner von Santiago kümmern sich nach wie vor um die Hunde. Es gibt öffentliche Hundehütten in Parks und manche Menschen, kaufen sogar regelmäßig Futter für die streunenden Tiere, das sie an bestimmten Plätzen in der Stadt bereit legen. Aus dem Hundeproblem wurde also letztendlich ein neuer Teil des Stadtgesichts.

Unser Guide erzählte uns weiter, dass man ab und zu beobachten könne, wie ein Hund genau wie wir Menschen die Straße nur bei Grün überquert. Sogar Busfahren würden die Tiere manchmal. Keiner weiß, ob sie dabei ein bestimmtes Ziel haben, wenn sie einsteigen, aber da sie irgendwann auch wieder aussteigen, könnte man das fast meinen. Manchmal kommt es auch vor, dass wenn man nachts durch Santiagos Straßen läuft, plötzlich einer oder mehrere Quiltros auftauchen und einen bis zur Haustür begleiten. Sie spüren angeblich die Angst und verteidigen einen gegen mögliche Bedrohungen. Deshalb ist es auch kein gutes Zeichen, wenn jemand in Santiago an einem Straßenhund vorbei läuft und dieser scheinbar grundlos zu bellen beginnt. Die Bewohner Santiagos sagen, dass diese Person nämlich etwas Böses oder Schlechtes in sich trägt, was den Hund zum Bellen bringt.

Die ganze Tour-Gruppe musste aufgrund der Geschichte über die Quiltros natürlich gleich lachen, als sich nach der Erklärung erst ein Straßenhund der Führung anschloss und dann auch noch nach nur wenigen Metern einen vorbei gehenden Mann anbellte.

Unser tierischer Begleiter bei der Stadtführung
Unser tierischer Begleiter bei der Stadtführung

Unsere Aktion am nächsten Tag können vielleicht eher die Frauen unter unseren Lesern nachvollziehen, da es nämlich um Mode ging. Schon lange wussten wir, dass wir irgendwann v.a. Unterwäsche ersetzen müssen und wo geht das besser als bei H&M – da, wo wir auch zu Hause oft einkaufen gehen. Natürlich könnte man jetzt sagen, oh man Mädels, es gibt doch auch noch tausend andere Kleidergeschäfte, aber gerade wenn man so lange unterwegs ist und ständig mit Neuem konfrontiert wird, tut so ein Bummel durch einen Laden der schwedischen Modekette ganz gut, in der wir unsere Größen kennen und wo wir von den Klamotten wissen, dass sie uns gefallen. Wir haben also einen halben Tag in der einzigen H&M-Filiale Südamerikas verbracht und dabei wieder das ganze Shopping-Defizit der letzten Monate ausgeglichen. Nachdem wir alle wichtigen Kleidungsstücke im Korb hatten, haben wir uns unter dem Motto „Herbst“ eine halbe Stunde Zeit gegeben, um ein komplettes Outfit zusammenzustellen, ganz egal, ob wir das nun im Alltag tragen würden oder nicht.

Ein bisschen Spaß muss ja schließlich auch mal sein ;-)


Um den Tag perfekt zu machen, haben wir nach dem Einkaufserlebnis eine Eisdiele angesteuert und uns das wahrscheinlich letzte Eis für längere Zeit gekauft. Extra groß, mit drei riesigen Kugeln. Wer weiß schon, ob es in Neuseeland gutes und günstiges Eis gibt, zumal ist es da ja sowieso schon kalter Herbst ist und damit eigentlich auch kein Eiswetter mehr...

Dass unser Gastgeber Cristian doch nicht so ein Langweiler ist, stellte sich am Abend dieses Tages heraus, da er ganz spontan vorgeschlagen hat, anlässlich Bens Abreise einen Grillabend auf dem Dach des Wohngebäudes zu veranstalten. Dabei kam sogar sein sonst so stummer Bruder Felipe ab und an zu Wort. Insgesamt also ein gelungener Abend.


Dass man zwei Tage ohne etwas wirklich Erwähnenswertes sehr gut herumkriegen kann, merkten wir an unseren beiden letzten auf dem amerikanischen Kontinent. Wir brauchten noch Socken, die wir auf dem lokalen Markt besorgten und kraxelten auf den höchsten Hügel in der Stadt, den Cerro Santa Lucia, von wo aus man normalerweise einen sehr guten Blick auf die Anden hat. Normalerweise...

Bitte im Hintergrund die Anden vorstellen! (Einen gaaaanz leichten Schimmer sieht man auch tatsächlich)
Bitte im Hintergrund die Anden vorstellen! (Einen gaaaanz leichten Schimmer sieht man auch tatsächlich)

Schon etwas aufgeregt packten wir am 19.3. einen großen Teil des Tages unsere Rucksäcke, entsorgten alles, was den strengen Kontrollbeamten am Aucklander Flughafen vielleicht ins Auge fallen würde (Steine, Muscheln, Müsliriegel) und machten neben den Rucksäcken selbst besonders die Sohlen unserer Trekkingschuhe sauber, da sehr darauf geschaut wird, dass man keine Erde oder Samen bei der Einreise nach Neuseeland einführt. So gut vorbereitet sind wir abends zum Flughafen von Santiago gefahren und wollten nur noch endlich ins Flugzeug steigen. Als kleines Abschiedsgeschenk hat uns aber irgendjemand noch mal ganz südamerikanisch warten lassen – unsere Maschine hatte zwei Stunden Verspätung. Statt um 23.20 sind wir letztendlich erst um 1.20 Uhr abgehoben, aber dafür war der Service im Flugzeug super und das Essen lecker. Und ganz wichtig auf einem vierzehnstündigen Flug: Eine große Auswahl an Filmen ;-)

Rückblickend war die Zeit von Kuba bis Chile wirklich genial, wir haben tausend Dinge erlebt und unserer Meinung nach einen sehr guten Einblick in das Leben Lateinamerikas bekommen. Diese kulturelle, kulinarische, meteorologische, landschaftliche und soziale Vielfalt war wie ein sechsmonatiges Feuerwerk an Eindrücken. Aber irgendwann wird es dann eben doch Zeit, die Pfiffe und Rufe mit scheinbaren Schmeicheleien, die ständigen Verspätungen, die allgemeine Unzuverlässigkeit, den ständigen Lärm, den immer und überall zu sehenden Dreck, das fürchterliche einlagige Klopapier, die Gleichgültigkeit bezüglich der Umwelt, die immer zu kleinen Männern und ja, sogar die eigentlich schöne spanische Sprache hinter uns zu lassen und einen komplett neuen Abschnitt unserer Reise zu beginnen.

Neuseeland, endlich kommen wir!

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